Erfolg für Böckhstraße, Tauziehen um gudvanger straße

Erste temporäre Spielstraße in Berlin in Kreuzberg

Sie war einmal faszinierendes Entdeckungsreservat, aufregender Spielort und gleichzeitig Zentrum für soziale Begegnungen: Die Straße. In den vorherigen Generationen verbrachten Kinder einen Großteil ihrer Kindheit draußen. Doch zum unbekümmerten Draußen-Spielen bieten Wohnumgebungen heute kaum noch Möglichkeiten: Naturflächen gibt es in der Stadt immer weniger und die Straßen werden von Autos dominiert. 

Gudvanger Straße als Treffpunkt für Jung und Alt

Die Vision des Berliner Projektes „Temporäres Spielen auf der Straße“: Einmal pro Woche von 10 bis 18 Uhr sollte die Gudvanger Straße im Berliner Bezirk Pankow gesperrt werden – zum gemeinsamen Spielen und als generationsübergreifender Treffpunkt aller Anwohner und Interessierten. Dieses Projekt der Drachenreiter gGmbH in Berlin förderte das Deutsche Kinderhilfswerk 2015 mit 5.000 Euro.

Denn die Straße bietet ganz andere Möglichkeiten als ein gerätelastiger Spielplatz – etwa Platz zum Fahrrad-, Inliner- und Rollerfahren oder für Straßenspiele und Kreidebilder. Die Bedingungen für Kinder zum Draußenspielen haben sich ohnehin drastisch verschlechtert: Gerade in Wohngebieten fahren Autos zu schnell oder nehmen parkend den Kindern den Platz zum Spielen. Eine temporäre Spielstraße könnte das Flächendefizit im Quartier zumindest teilweise ausgleichen.

Anfang 2015 beschloss die Bezirksverordnetenversammlung Pankow, in der Gudvanger Straße eine temporäre Spielstraße einzurichten. Doch bis heute ist völlig unklar, wann es endlich losgehen kann. Die Initiative rief das Bezirksamt Pankow auf, endlich tätig zu werden und demonstrierte dafür mit Anwohnern und Kindern am 8. Mai 2019.

Bis heute keine Umsetzung

Nach zweijährigem Tauziehen zwischen Anwohnern und Bezirksamt um das Modellprojekt der temporären Spielstraße war ein erster Kompromiss erzielt worden: Im Juni 2017 gab es zwischen Bezirksamt Pankow und klagenden Anwohnern eine außergerichtliche Einigung vor dem Verwaltungsgericht Berlin. Nun soll nur noch einmal im Monat zwischen 14 und 18 Uhr gespielt werden. Getan hat das Bezirksamt Pankow seitdem: nichts.

Matthias Groh, Sprecher der Initiative, sagt: „Nach dem Vergleich 2017 war ich fest davon ausgegangen, dass wir spätestens ab Frühjahr 2018 auf der Gudvanger Straße spielen können. Es stand dem ja rechtlich nun nichts mehr im Wege.“ Doch bis heute hält das Bezirksamt die Initiative mit Ausreden und neuen Bedenken hin. „Dass wir das Jahr 2019 schreiben und noch keinen Schritt in der Sache weitergekommen sind, ist ein Skandal“, so Groh.

Doch nun scheint bewegung in die Sache zu kommen: Auf der Webseite des Bezirksamt Pankow kann man nun direkt und offiziell die Einrichtung einer Temporären Spielstraße beantragen.

Im Graefekiez gibt es die temporäre Spielstraße seit August 2019

Im Kreuzberger Graefekiez in Berlin setzten sich Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Kinder- und Schülerläden ebenfalls für eine temporäre Spielstraße ein. Mit Erfolg: Seit Ende der Sommerferien 2019 ist die Böckhstraße im Graefekiez einen Nachmittag pro Woche autofrei.

In der warmen Jahreszeit können Kinder immer mittwochs von 14 bis 18 Uhr auf der Straße Fahrradfahren üben, Fangen spielen oder Kreidebilder malen. Und Erwachsene setzen sich, wenn sie Lust haben, zum Kaffeetrinken mitten auf die Fahrbahn. Ein echter Durchbruch – vor allem im Vergleich zum jahrelangen Tauziehen um die Guvanger Straße.

Neu gegründetes Bündnis setzt sich für Spielstraßen ein

Im März 2019 hatten Mitstreiterinnen und Mitstreiter das Bündnis Temporäre Spielstraßen gegründet. Dazu zählen neben dem Deutschen Kinderhilfswerk auch der Dachverband Berliner Kinder-und Schülerläden oder der BUND. Das Bündnis will lokale Initiativen auf dem Weg zur temporären Spielstraße unterstützen. Voraussetzung ist, dass Anwohner sich zusammentun und sie beim Bezirk beantragen.

Das Deutsche Kinderhilfswerk fordert Kommunen und Landkreise darüber hinaus dazu auf, mehr temporäre Spielstraßen einzurichten. Ein veröffentlichtes Gutachten des Wissenschaftlichen Parlamentsdienstes des Abgeordnetenhauses von Berlin legt dar, dass eine solche Einrichtung nach den derzeitigen Bestimmungen der Straßenverkehrs-Ordnung (StVO) problemlos möglich ist. Anwohner-Initiativen, aber auch Kinder- und Jugendparlamente sind aufgefordert, entsprechende Anträge bei den Straßenverkehrsbehörden der Kommunen oder Landkreise zu stellen.

Das Gutachten kommt zu dem Schluss, dass auf Grundlage der Straßenverkehrsordnung "kein Grund" ersichtlich sei, warum man nicht eine temporäre Spielstraße einrichten könne. Dafür brauche man lediglich die Verkehrsschilder für Fahrverbote und mit ballspielendem Kind. Das Gutachten führt weiter aus, dass "die Einwirkungen auf den Verkehr hierbei wesentlich geringer sind als bei dauerhaften Spielstraßen, die mit einem zeitlich unbegrenzten Fahrverbot verbunden sind."

Spielstraßen bereits in vielen Orten erfolgreich

In Bremen, Frankfurt am Main und London läuft das Spielen-auf-der-Straße-Konzept bereits sehr erfolgreich. Auch im hessischen Grießheim können seit 2002 Bürgerinnen und Bürger, eine Spielstraße auf Zeit beantragen, um für einige Stunden den Autoverkehr auszuschließen, so dass Kinder auf der Straße vor dem Haus ohne Angst vor Verkehr spielen können. In Stuttgart läuft seit Sommer 2018 in drei Straßen ein Spielstraßen-Pilotprojekt in Kooperation mit der Stadt und Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe.

Nach Ansicht des Deutschen Kinderhilfswerkes können temporäre Spielstraßen dafür sorgen, dass auch Kinder in dicht bebauten Innenstadtbereichen zumindest zeitweise ausreichende Bewegungs- und Freiflächen direkt in ihrem Wohn- und Lebensumfeld haben. Denn durch die ständige Verdichtung und Versiegelung unserer Städte gehen für Kinder und Jugendliche wichtige Freiflächen und Spielmöglichkeiten verloren. Studien des Deutschen Kinderhilfswerkes belegen eindeutig, dass sich eine kinderfreundliche Stadtplanung und die Möglichkeiten zum selbstbestimmten Spielen maßgeblich auf die Lebensqualität und Entwicklungschancen von Kindern auswirken. Gleichzeitig verbessert sich das soziale Klima in dem Maße, wie die Qualität des Wohnumfeldes steigt. Deshalb brauchen wir dringend eine auf Kinder bezogene Stadtentwicklungspolitik, um die Lebensqualität und die Entwicklungschancen von Kindern zu verbessern.

Nachmacher gesucht!

Wenn Sie also planen, ein Spielstraßen-Projekt zu starten - trauen Sie sich! Gerne beraten wir Sie dabei.

Wo Sie sich informieren und was Sie tun können

Jede Unterstützung ist wertvoll, um ein generationsübergreifendes Miteinander zu schaffen und die Straße wieder als Ort des Zusammentreffens zu nutzen. Sie können