Torsten Krause

Koordinierungsstelle Kinderrechte, Referent Medienpolitik

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Wie nutzen Kinder heute Medien?

Kennen Sie den SMS-Daumen? Oder die Handy-Schulter? Medien können manchmal Schaden anrichten, vor allem, wenn sie unbedarft genutzt werden, und zwar weitaus größeren als körperliche Wehwehchen. Doch in erster Linie machen Medien Spaß, sie informieren, verbinden Menschen miteinander und können Kreativität fördern. Kinder können sich ihnen genau so wenig entziehen wie Erwachsene. Und das sollen sie auch gar nicht. Im Gegenteil: Wer mit Medien umgehen kann, nimmt teil am gesellschaftlichen Leben! 

Kinder nutzen Medien ganz eigenständig nach ihren jeweiligen Interessen und Bedürfnissen. Internet, Smartphones, Fernsehen und Spielekonsolen gehören zu ihrem Leben als selbstverständlicher Teil dazu. Insbesondere das Internet wird genutzt wie nie zuvor. 

Anstieg im Besitz von Computern, Streamingdiensten und Fernsehgeräten mit Internetzugang 

Laut der KIM-Studie aus dem Jahr 2020, bei der es sich um eine Basisuntersuchung zum Medienumgang 6- bis 13-Jähriger handelt, sind die Haushalte, in denen Kinder heute aufwachsen, mit einem breiten Repertoire an Medien ausgestattet. Aus der Studie geht hervor, dass in fast allen Familien Fernsehgeräte, ein Internetzugang, Handys/ Smartphones sowie Computer/ Laptops vorhanden sind. Etwas weniger als die Hälfte der Haushalte, in denen 6- bis 13-Jährige aufwachsen, besitzen Tablets, Fernsehgeräte mit Internetzugang oder Streamingdienste wie Netflix und Disney+.

Starke Anstiege sind im Vergleich zum Jahr 2018 vor allem bei der Ausstattung der Haushalte, in denen 6- bis 13-Jährige leben, mit Computern/ Laptops (+18 Prozentpunkte (PP)), Streamingdiensten (+22 PP) sowie Fernsehgeräten mit Internetzugang (+17 PP) zu beobachten. Dieser Trend hat sich bereits in der KIM-Studie von 2018 angedeutet und sich vermutlich durch die besondere Situation der Pandemie verstärkt. Auch besitzen acht Prozent mehr Haushalte mit Kindern in der genannten Altersgruppe ein Tablet als noch 2018.  Rückläufig ist der Besitz von Spielekonsolen bei 6- bis 13-Jährigen.  

Internetnutzung gehört ab dem Alter von 10 Jahren zum Alltag 

Hinsichtlich der Internetnutzung zählen mehr als zwei Drittel der Kinder zu den Nutzenden, wobei der Anteil an Jungen mit 73 Prozent ein wenig höher liegt als der Anteil an Mädchen mit 69 Prozent. Auffällig ist, dass mit dem Alter der Kinder auch der Anteil der Internetnutzenden zunimmt: Bei den Sechs- bis Siebenjährigen sind es ein Drittel, die zumindest selten das Internet nutzen, während es bei den Acht- bis Neunjährigen bereits 60 Prozent sind. Zehn- bis Elfjährige sind zu 88 Prozent im Internet unterwegs und bei den 12- bis 13-Jährigen sind es mit 97 Prozent fast alle. Ein starker Anstieg lässt sich im Vergleich zum Jahr 2018 nur bei den Zehn- bis Elfjährigen beobachten (+7 PP).

43 Prozent der Internetnutzenden zwischen 6 und 13 Jahren sind jeden oder fast jeden Tag online. 39 Prozent sind ein- oder mehrmals in der Woche online, 18 Prozent sind seltener online. Die Nutzungsfrequenz nimmt hier ebenfalls im Altersverlauf zu. Während bei den Sechs- bis Siebenjährigen lediglich zwölf Prozent jeden oder fast jeden Tag online sind, sind es bei den 12- bis 13-Jährigen schon 65 Prozent der Kinder. Lediglich fünf Prozent der 12- bis 13-Jährigen gaben an, selten das Internet zu nutzen.

Die JIM-Studie, die das Medienverhalten von Jugendlichen zwischen 12 und 19 Jahren in Deutschland untersucht, stellte für das Jahr 2020 ähnlich wie die KIM-Studie fest, dass die tägliche Internetnutzung mit dem Alter der Jugendlichen ansteigt. 81 Prozent der 12- bis 13-Jährigen gaben an, täglich online zu sein, bei den 14- bis 15-Jährigen waren es 90 Prozent und bei den darauffolgenden Altersgruppen jeweils 93 Prozent. Als Grund dafür kann die Corona-Pandemie angesehen werden, langfristige Trends werden sich mit den nächsten Erhebungen zeigen.

Messenger-Dienste, Suchmaschinen und Videoplattformen sind beliebt 

Mit Blick auf die Tätigkeiten der 6- bis 13-Jährigen im Netz wird die Bedeutung von Messenger-Apps deutlich: 53 Prozent der Kinder, die das Internet nutzen, verwenden WhatsApp täglich. Neben der Nutzung von WhatsApp gaben die befragten Kinder an, auch täglich oder ein-/ mehrmals pro Woche auf Suchmaschinen zurückzugreifen, sich Filme und Videos anzusehen und konkret YouTube zu nutzen. Regelmäßig, also mindestens einmal pro Woche, sind neben den genannten Nutzungen das “einfach drauf los surfen” (43 Prozent), die Nutzung von Kinderseiten (40 Prozent) sowie das Streamen von Musik (32 Prozent) von den Kindern genannt worden.  

Auch bei den 12- bis 19-Jährigen sind Unterhaltungsplattformen wie YouTube, WhatsApp oder Instagram sehr beliebt. Dabei gilt YouTube, gefolgt von Instagram, als liebstes Internetangebot (57 Prozent). Der Messenger-Dienst WhatsApp liegt auf Platz drei der favorisierten Apps und verzeichnete im Vergleich zum Vorjahr einen Rückgang von fünf Prozentpunkten. Halb so häufig werden Netflix und Google genannt, ebenso Snapchat. Im Rahmen der Befragung verzeichnet TikTok die höchste Steigerung (+ 9 PP). Als wichtigste App gilt für die 12- bis 19-Jährige der WhatsApp-Messenger-Dienst.

Studie des Deutschen Kinderhilfswerkes zur digitalen Mediennutzung in Familien

Mediennutzung in der Familie 

Was bedeutet es für die Erziehung, wenn Eltern und Kinder zunehmend digital unterwegs sind? Die Kampagne "Die Digitale Familie" hat Zahlen und Fakten rund um Digitale Medien im Familienalltag gesammelt: Dabei kam unter anderem heraus, dass 74 Prozent der Eltern dem Smartphone eine wichtige Bedeutung bei der Organisation des Familienalltags beimessen. Für die Kampagne hat unsere Medienexpertin Sophie Pohle ein Interview zum Thema Kinder und digitale Medien gegeben. 

Ein kompetenter Zugang zu Medien 

Eine kompetente Mediennutzung ist ein entscheidender Schlüssel, um an gesellschaftlichen Prozessen teilzunehmen. Öffentliche Diskussionen, Nachrichten, soziales Miteinander, gesellschaftliche Entscheidungsprozesse – um hier mitwirken, mitgestalten oder die persönliche Meinung zum Ausdruck bringen zu können, braucht es Kompetenz. Diese erfordert jedoch Fähigkeiten, die sich erst im Laufe der individuellen Entwicklung und abhängig vom sozialen Umfeld aufbauen. 

Aus diesem Grund brauchen Kinder hier Eltern und Lehrkräfte, die sie beim Umgang mit Medien, insbesondere dem Internet, beraten und begleiten. Gerade das Internet birgt kinder- und jugendgefährdende Inhalte, vor denen Kinder und auch Jugendliche geschützt werden müssen. Wer Medien kritisch und bewusst nutzt und eigene Grenzen, Erwartungen und Fähigkeiten bei der Mediennutzung einschätzen kann, ist insgesamt für eine sichere Mediennutzung gerüstet. 

Ein chancengerechter Zugang zu Medien 

Die Kindheit ist eine eigenständige Lebensphase. Um ihr gerecht zu werden, braucht es unter anderem Medienangebote, die auf kindliche Bedürfnisse, Erfahrungen und Fähigkeiten ausgerichtet sind. Diese müssen für alle Kinder frei zugänglich bereitstehen, unabhängig von ihrem sozialen Hintergrund. Nur so kann eine digitale Kluft zwischen Kindern aus unterschiedlichen sozialen Milieus vermieden werden. 

Gerade Kinder aus schwierigen finanziellen Verhältnissen haben hier das Nachsehen. Sie fühlen sich im Alltag oft benachteiligt und als Außenseiter – ein Gefühl, das sich auch online fortsetzt. Die Studie "Theoretische Fundierung und Fallbeispiel sozial benachteiligter Kinder“ der beiden Autorinnen Ingrid Paus-Hasebrink und Michelle Bichler (2008) ergab, dass Kinder aus armen Familien Medien anders nutzen als Gleichaltrige aus sozial besser gestellten Familien. 

Sie schauen beispielsweise mehr und anders fern. Hoch im Kurs stehen dabei Zeichentrickserien wie Pokemon oder Dragonball Z, während bei sozial bessergestellten Familien Sendungen der öffentlich-rechtliche dominieren, wie beispielsweise die Sendung mit der Maus oder das Programm des Kinderkanals KIKA. Die Dauer des täglichen TV-Konsums liegt in finanziell benachteiligten Familien oft höher als in anderen, da Fernsehen eine meist günstigere Freizeitbeschäftigung als andere Hobbys darstellt, die in vielen Fällen nicht erschwinglich sind. 

Wie die Studie weiterhin zeigt, wird die Medienerziehung in benachteiligten Familien oft vernachlässigt, meist aus Überforderung in einem ohnehin schwer zu bewältigendem Alltag. Zudem werden die Kinder mit zunehmendem Alter häufiger allein gelassen. Insbesondere Alleinerziehenden fehlt oft die Zeit, ihre Kinder beim Medienumgang zu unterstützen und sich selbst damit auseinanderzusetzen. 

Das hat zur Folge, dass in einer wichtigen und prägenden Entwicklungsphase Medien einen herausragenden Stellenwert einnehmen. Hier sind insbesondere Bildungsinstitutionen bei der Begleitung in digitale und mediale Sphären gefordert, um Ungleichheiten zu kompensieren. 

Ein frühkindlicher Zugang zu Medien 

Wie wir heutzutage wissen, ist die Lern- und Aufnahmefähigkeit von Kindern im Vorschul-Alter besonders hoch. Kinder dieses Alters wollen lernen, ausprobieren und experimentieren, sind von sich aus neugierig und wissbegierig. Nie wieder lernen Menschen so viel und mit so großem Spaß wie in den ersten Lebensjahren. Eine gute Bildung kann außerdem schon für kleine Kinder herkunftsbedingte und soziale Unterschiede am besten ausgleichen. 

Doch einheitliche Qualitätsstandards in frühkindlichen Bildungseinrichtungen in Deutschland gibt es nicht. Das Bildungssystem unterscheidet sich in den einzelnen Bundesländern – damit hängen die Bildungschancen von Kindern davon ab, wo sie zufällig wohnen. Lehrkräfte nutzen Medien im Unterricht zwar mehr als in den letzten Jahren, jedoch weniger nach Plan denn eher spontan und in Bezug zum jeweiligen Unterricht. Es zeigen sich auch deutliche Unterschiede zwischen den Schulformen und sogar Fächern. 

Sowohl in den Kindertageseinrichtungen als auch in der Schule muss es zu einer deutlichen Verbesserung der Qualifizierung des Personals kommen. Dazu gehört auch die Kompetenz, vorhandene Defizite wie Fähigkeiten und Talente von Kindern zu erkennen sowie Kinder an den Prozessen miteinzubeziehen und zu beteiligen. Um auf die spezifischen Bedürfnisse von Kindern eingehen zu können, sind auch räumliche und zeitliche Ressourcen erforderlich. 

Wichtige Begleiterin im 21. Jahrhundert 

Medienkompetenz war schon immer eine wichtige Begleiterin im Leben. Doch noch nie hat sie eine so bedeutende Rolle gespielt wie im 21. Jahrhundert – in einer Welt, die aus Online- und Offline-Realitäten besteht, zusammengewachsen zu einem riesigen Medienuniversum. Es braucht mehr denn je verständiges Bewusstsein, kritisches Urteilsvermögen und Kompetenz, das uns und besonders Kindern hilft, unser Leben in der Medialität zu gestalten. 

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