Cornelia Jonas

Koordinierungsstelle Kinderrechte, Referentin Medienbildung

030 - 30 86 93-67
Jugendmedienschutz

Studie zur Perspektive von Kindern
auf Online-Interaktionsrisiken
 

Kinder und Jugendliche brauchen in Social-Media-Angeboten und Online-Games Maßnahmen, die sie vor Interaktionsrisiken wie Mobbing und Cybergrooming schützen. Damit solche Maßnahmen ihre Wirkung entfalten, müssen sie an die subjektiven Bewältigungsstrategien der Kinder und Jugendlichen angepasst sein. Um herauszufinden, wie Kinder und Jugendliche auf Interaktionsrisiken blicken und mit ihnen umgehen, hat das JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis im Auftrag des Deutschen Kinderhilfswerkes eine qualitative Studie durchgeführt. 

Laut den Ergebnissen wünschen sich Kinder zwischen 9 und 13 Jahren, die bereits Medienerfahrungen haben, Messenger beispielsweise als sichere Kommunikationswege mit Freundinnen und Freunden, Familie und Bekannten. Auf Social Media und besonders in Online-Spielen sind sie dagegen offener für den Kontakt mit Unbekannten. Gleichzeitig haben sie hier ein hohes Schutzbedürfnis gegenüber aggressiven Interaktionen, unerwünschten Kontakten und negativen Kontakterfahrungen.

Die in der Studie befragten Kinder kennen viele Möglichkeiten, um Interaktionsrisiken zu vermeiden oder auf sie zu reagieren. Institutionelle Unterstützungswege wie Anlaufstellen in Schulen oder im Internet nennen sie dabei selten. Es zeigt sich außerdem, dass Kinder bei der Mediennutzung oft in Situationen kommen, in denen sie abwägen müssen, ob sie sich eher vor (potenziellen) Risiken schützen oder ihrem Teilhabebedürfnis nachgehen wollen.

Thomas Krüger ist Präsident des Deutschen Kinderhilfswerkes

„Ein kinderrechtlich ausgewogener Kinder- und Jugendmedienschutz muss immer gleichermaßen Schutz und Teilhabe von Kindern gewährleisten und die Entwicklungsstände der Kinder berücksichtigen. Für eine gute Entwicklung brauchen Kinder ein sicheres Umfeld ebenso wie Freiräume zur persönlichen Entfaltung. Deshalb sollten alle Angebote, die von Kindern häufig genutzt werden, per Grundeinstellung ein hohes Schutzniveau bieten, auch wenn es sich nicht um ausgewiesene Kinderangebote handelt. Die Schutzniveaus von Medienangeboten sollten gleichzeitig stärker an die sich wandelnden Sicherheitsbedürfnisse anpassbar gestaltet werden, damit sie den Anforderungen unterschiedlicher Nutzerinnen und Nutzer entsprechen.“

Thomas Krüger, Präsident des Deutschen Kinderhilfswerkes

Zentrale Ergebnisse

Wie Kinder und Jugendliche zwischen 9 und 13 Jahren Interaktionsrisiken bewerten, hängt laut Ergebnis der Studie von folgenden Faktoren ab: dem Alter, der persönlichen Entwicklung, der Art der Online-Umgebung und den jeweiligen Nutzungsmotiven. So reagieren besonders die jüngsten befragten Kinder (9-10 Jahre) eher ablehnend und risikovermeidend auf Kontaktmöglichkeiten mit Unbekannten. Hatten Kinder bislang noch keine Berührungspunkte mit dem Thema, weil sie Medien bisher nur eingeschränkt nutzen, besteht bei ihnen auch kein Risikobewusstsein.

Unter bestimmten Umständen wird der Kontakt von Kindern zu Unbekannten im Netz aber auch positiv bewertet, so zum Beispiel auf Social Media, wenn es um das Liken von Beiträgen geht, oder in Games, wenn Kontakte ein Teil des Spielprinzips sind. Offenheit für solche Kontakte äußern vor allem die Kinder, die Spiele nutzen, bei denen sie sich negativen Kontakten entziehen können, ohne dadurch Verluste oder Nachteile im Spielverlauf zu erleben. Anders als bei Social Media Angeboten oder Spielen wünschen sich alle Befragten sichere Kontaktwege zu ihrer Familie, Freund/innen und Bekannten in Messengern. Die Kontaktaufnahme durch Fremde lehnen sie hier ab. 

Trotz Experimentierfreude gerade der älteren und erfahrenen Befragten im Umgang mit Online-Kontakten haben alle teilnehmenden Kinder gemeinsam, dass sie ein hohes Schutzbedürfnis gegenüber aggressiven Interaktionen und unerwünschten Kontakten äußern. Negative Kontakterfahrungen, vor denen sie geschützt werden möchten, sind für die 9- bis 13-Jährigen vor allem Mobbing (in einem breiten Verständnis), Lästern und Beleidigungen in Messengern und Games sowie Offline-Kontaktaufnahmen. Diese fürchten Kinder zu ermöglichen, indem sie (versehentlich) Daten im Netz preisgegeben.  

In ihrem Wissen über die Möglichkeiten, mit Interaktionsrisiken umzugehen, zeigen sich die befragten Kinder und Jugendlichen kenntnisreich: Sie kennen und nennen zahlreiche von ihnen auch positiv bewertete Handlungs- und Unterstützungsmöglichkeiten, vor allem mediale (z. B. Spiel vorübergehend verlassen) und soziale Möglichkeiten (z. B. Vereinbarungen in Peergroup). Institutionelle Unterstützungswege (z. B. Anlaufstellen in Schulen und Internet) nennen sie dagegen selten.

Gleichzeitig berichten sie von Abwägungsprozessen, das heißt, sie müssen entscheiden, ob Unterstützungsmöglichkeiten sie zwar schützen, aber gleichzeitig ihre Teilhabe verhindern.  Beispielsweise können sie ungewollte Kontaktaufnahmen verhindern, indem sie ihr Konto auf “privat” stellen. Dies ist aber keine Option, wenn Kontaktaufnahmen wesentlicher Bestandteil des Angebots sind und diese grundsätzlich positiv bewertet werden.  

Handlungsempfehlungen

In den Gesprächen zeigt sich, dass Kinder und Jugendliche nicht immer die Wahl haben: Teilweise stehen Schutzmaßnahmen (wie Blockieren/Löschen/Melden) nicht zur Verfügung oder werden von der Plattform nicht konsequent umgesetzt und verfolgt. Insgesamt wird deutlich, dass sich Kinder und Jugendliche, die offen und vorsichtig oder bereits sehr aktiv in Online-Umgebungen interagieren, gerne durch mediale Möglichkeiten vor Interaktionsrisiken schützen. Um dies besser als bisher zu ermöglichen, ist es wichtig, dass Anbieter umfassend und kindgerecht über die Interaktionsrisiken auf ihren Plattformen informieren und erklären, wie Kinder auf diese reagieren können. Die deklarierten Wege müssen effektiv sein, das heißt Kindern den Schutz bieten, den sie versprechen. 

Unmittelbare Bezugspersonen von Kindern mit noch begrenzter Mediennutzung zeigen sich besonders relevant für die Sensibilisierung für Risiken und Reaktionsmöglichkeiten. Um deswegen Eltern, Familien und pädagogisches Personal als Ansprechpartner zu unterstützen, braucht es niedrigschwelliges Material, Weiterbildungen, Anlaufstellen vor Ort und anpassbare Schutzeinstellungen. Diese technischen Möglichkeiten müssen kinderrechtlichen Ansprüchen genügen, also zum Beispiel wachsendes Autonomiebestreben und die Privatsphäre von Kindern und Jugendlichen berücksichtigen. Ebenso ist es wichtig, im Rahmen der Medienkompetenzförderung schon in der Grundschule Interaktionsrisiken und den Umgang mit ihnen zu thematisieren. 

Dr. Nils Brüggen, Leiter der Abteilung Forschung am JFF –  Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis

„Die Medienkompetenzförderung muss neben medienbezogenem Wissen eine von Kinderrechten geprägte Haltung vermitteln, die auch alle Erziehungsmaßnahmen der Eltern und anderer Unterstützungsangebote in Kita, Schule oder außerschulischen Orten prägen sollte. Kindern müssen das Spektrum der Interaktionsrisiken altersgerecht vermittelt und Handlungsmöglichkeiten aufgezeigt werden. Gleichzeitig erfordert eine Abschirmung vor Interaktionsrisiken durch technische Schutzeinstellungen ebenfalls pädagogische Begleitung. Eltern, die technische Jugendschutzeinstellungen nutzen, stellt sich die Aufgabe, den Übergang des Kindes zu einem eigenständigeren Umgang mit Interaktionsrisiken rechtzeitig vorzubereiten und ihm dadurch auch eine von den Eltern weniger kontrollierte Nutzung des Internets zu ermöglichen.“

Dr. Niels Brüggen, Leiter der Abteilung Forschung am JFF  
Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis

Methode

Die Studie „Online-Interaktionsrisiken aus der Perspektive von Neun- bis Dreizehnjährigen“ hat qualitative Forschungsmethoden genutzt. Dafür wurden im Herbst und Winter 2020 sowohl Einzelinterviews mit 14 Heranwachsenden zwischen 9 und 13 Jahren, ergänzt durch kurze Elterngespräche, als auch Online-Erhebungsworkshops im April 2021 durchgeführt. Die Workshops fokussierten die Bewertung von Handlungs- und Unterstützungsmöglichkeiten in Bezug auf potenziell riskante Online-Kontakte mit fremden Personen, die zuvor in den Interviews erhoben wurden. 

Informationen zur Studie:

Hintergrund

Kinder und Jugendliche sind immer stärker auf soziale Medien angewiesen, um ihren Kommunikationsbedürfnissen nachzugehen, sich zu entwickeln und zu bilden sowie um ihr Recht auf politische, gesellschaftliche und kulturelle Teilhabe zu verwirklichen. Das hat zuletzt die Covid-19-Pandemie gezeigt. Gleichzeitig sind mit dieser Mediennutzung auch Interaktionsrisiken verbunden, wie zum Beispiel Mobbing, Beleidigungen oder Kontaktaufnahme durch fremde Personen. Damit diese Risiken die Teilhabe von Kindern und Jugendlichen nicht gefährden, setzt sich das Deutsche Kinderhilfswerk für einen an Rechten und Bedürfnissen von Kindern orientierten (Jugendmedien-)Schutz ein, der auf niedrigschwellige, anpassbare und sozialverträgliche Maßnahmen zielt. Weitere Informationen zu unserer politischen Arbeit finden Sie hier.

Die Studie erfolgte im Rahmen eines Projektes der Koordinierungsstelle Kinderrechte. Die Koordinierungsstelle Kinderrechte des Deutschen Kinderhilfswerkes begleitet die Umsetzung der aktuellen Strategie des Europarates für die Rechte des Kindes (Sofia-Strategie 2016–2021) und wird gefördert durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. 

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