„Nicht nur Mahner, sondern Wegbereiter“

Anne Lütkes wurde Ende Januar zur Präsidentin des Deutschen Kinderhilfswerkes gewählt. Im Interview spricht sie darüber, warum sie sich seit vielen Jahren für die Kinderrechte engagiert, wo sie trotz vieler Widerstände Fortschritte spürt – und warum Erwachsene in Sachen Kinderrechte mehr Aha-Erlebnisse brauchen.

Anne Lütkes
Anne Lütkes

Warum setzen Sie sich für Kinderrechte ein?  

Ich bin Juristin, war viele Jahre Rechtsanwältin und eine der ersten Fachanwältinnen für Familienrecht in Deutschland. Und ich war eine der ersten Anwältinnen, die Kinder im Strafverfahren vertreten haben. Meine Schwerpunkte waren schon immer die Wahrung der Bürger- und Menschenrechte. Kinderrechte sind Menschenrechte und insofern sind sie dann zum Kern meiner ehrenamtlichen Arbeit geworden.    

Welche Erfahrungen haben Sie als Anwältin mit Blick auf die Kinderrechte gemacht?  

Als ich junge Anwältin war, gab es keinerlei Vertretungsmöglichkeiten für Kinder, die Opferzeuginnen und -zeugen im Strafverfahren waren. Es gab also keine gesicherte Rechtsposition für Kinder in Strafverfahren. Ich habe mit einigen anderen Juristinnen dafür gekämpft, das zu ändern. Wir haben das, was heute Rechtslage ist, mit unserer Arbeit vorbereitet. Später konnten wir für Kinder auch als Nebenklage auftreten – somit hatten sie eine viel stärkere Position im Prozess. Aber bis dahin war es ein langer Weg.  

Hat die Justiz mittlerweile in Sachen Kinderrechte dazugelernt?  

Es ist ja nicht nur die Justiz, die lernen muss. Unsere Aufgabe als Deutsches Kinderhilfswerk ist es, in der gesamten Gesellschaft zu wirken. Ich glaube an die Lernfähigkeit der Gesellschaft – weil ich sehe, dass wir schon viel erreicht haben.  

Was zum Beispiel?  

Ein wichtiger Bereich ist meiner Meinung nach auch die öffentliche Verwaltung. Ich war sieben Jahre lang Regierungspräsidentin in Düsseldorf und habe als Behördenchefin immer auf die Einhaltung der Kinderrechte gepocht. Dabei darf man aber nicht mit dem Holzhammer vorgehen, sondern man muss Menschen so an das Thema heranführen, dass sie selbst erkennen, wie wichtig die Kinderrechte sind. Einige Städte haben dafür sehr gute Schulungen. Wenn man dann sieht, mit wie viel Empathie die Mitarbeitenden Kinder beteiligen, merkt man: Es ist nicht nur eine Verordnung oder ein Gesetz, das wir wollen.  

Sondern?  

Als Deutsches Kinderhilfswerk geht es uns um die vollumfängliche Umsetzung der UN-Kinderrechtskonvention: im Rechtssystem und auch ganz konkret im Alltag. Wir spüren, dass viele Menschen offen für die Kinderrechte sind. Das sieht man zum Beispiel daran, dass in unseren Umfragen die Mehrheit der Befragten die Aufnahme der Kinderrechte ins Grundgesetz befürworten. Leider stoßen wir hierbei aber auch immer wieder auf Widerstände von Seiten der Verfassungsgesetzgeber.   

Das Deutsche Kinderhilfswerk setzt sich bereits seit 1994 in einem Aktionsbündnis für die Aufnahme der Kinderrechte ins Grundgesetz ein. 2021 hatte die damalige Große Koalition erstmals einen Entwurf für eine entsprechende Verfassungsänderung in den Bundestag eingebracht, der aber nicht die erforderliche Zwei-Drittel-Mehrheit erhielt. Bei der aktuellen Regierung stehen die Kinderrechte nicht mal mehr im Koalitionsvertrag. Denken Sie da manchmal daran, aufzugeben?   

Nein, das denke ich nicht. Meine Familie ist mütterlicherseits jüdisch. Wir sind früh dazu erzogen worden, uns einzumischen. Wir haben gelernt, dass wir als die nächste Generation nach dem Holocaust nicht einfach schweigen oder passiv sein dürfen. Das bestimmt immer noch mein Leben. Deshalb bin ich überzeugt: Die vielen kleinen und großen Veränderungen, für die das Deutsche Kinderhilfswerk steht, sind immer wieder ein Baustein dafür, dass Deutschland ein demokratischer Rechtsstaat bleibt.  

Welche Bausteine sind das konkret?  

Wir fördern die Beteiligung von Kinder- und Jugendlichen: bei allem, was sie betrifft, gerade auch in politischen Fragen. Aus meiner Sicht ist das frühe Lernen von politischer Verantwortung der beste Kampf gegen Rechts. Das hat mich schon von Anfang an am Deutschen Kinderhilfswerk überzeugt – genauso wie zum Beispiel der engagierte Einsatz gegen Kinderarmut.  

Sie engagieren sich bereits seit 20 Jahren im Vorstand des Deutschen Kinderhilfswerkes. Wie sind Sie dazu gekommen?   

2002 war ich Justiz- und Jugendministerin in Schleswig-Holstein. Schleswig-Holstein hatte damals eine Vereinbarung mit dem Deutschen Kinderhilfswerk: die „Gemeinschaftsaktion Schleswig-Holstein Land für Kinder“. Ziel dieses Programms war es, kleine und größere Beteiligungsprojekte vor Ort in den Kommunen zu fördern. Die damalige Bundesgeschäftsführerin Heide-Rose Brückner hat mich dann für das Deutsche Kinderhilfswerk begeistert. Und ich bin nach wie vor begeistert von den Mitarbeitenden und auch von den vielen jungen Menschen in unserem Kinder- und Jugendbeirat, die für ein gemeinsames Ziel arbeiten und sich dabei nicht beirren lassen.       

Woran spüren Sie, dass in Sachen Kinderrechte trotz Widerständen etwas vorangeht?  

Neben meiner Rolle als Präsidentin des Deutschen Kinderhilfswerkes bin ich Vorsitzende des Vereins Kinderfreundliche Kommunen – einer gemeinsamen Initiative von UNICEF und dem Deutschen Kinderhilfswerk. In dieser Funktion bin ich öfter mal in Kommunen unterwegs, um ihnen das Siegel als Kinderfreundliche Kommune zu verleihen. Dass sich so viele Kommunen an dem Programm beteiligen, zeigt mir, dass es trotz der schwierigen Zeit, in der wir leben, vorangeht. Und es zeigt auch ganz konkret, wie wichtig das Deutsche Kinderhilfswerk nicht nur als Mahner, sondern auch als Wegbereiter in Sachen Kinderrechte ist. Wir wollen zeigen, dass die Kinderrechte lebbar sind – trotz der schwierigen Haushaltslage und trotz der politischen Unwägbarkeiten.  

Warum ist die Förderung der Kinderrechte gerade auf kommunaler Ebene so wichtig?  

Weil man die UN-Kinderrechtskonvention bis zum Spielplatz um die Ecke herunterbrechen kann – das ist ja das Schöne daran. In den Kinderfreundlichen Kommunen sieht man ganz konkret, wie viel ernstgemeinte Beteiligung verändern kann. Wenn Kinder und Jugendliche Einfluss auf Entscheidungen haben, merken Erwachsene an vielen Stellen: Da hätten wir ja schon viel eher draufkommen können.  

Inwiefern?  

Ein kleines Beispiel: In Wolfsburg gab es lange Zeit keine Fahrradständer vor dem Jugendzentrum. Es hat erst eine Jugendbefragung zur Lebenssituation der Kinder und Jugendlichen in der Stadt gebraucht, bis das mal jemandem aufgefallen ist. Der Blick von denen, die es betrifft, hat gefehlt. Ähnliche Beispiele gibt es in ganz Deutschland. Deshalb finde ich es so wichtig, dass Kinder und Jugendliche ernstgenommen werden und dass zum Beispiel der Kinder- und Jugendbeirat des Deutschen Kinderhilfswerkes immer wieder bei Anhörungen im Bundestag vertreten ist. Damit mehr Erwachsene diese Aha-Erlebnisse haben.  

Anne Lütkes ist Rechtsanwältin und war lange Fachanwältin für Familienrecht. Seit 2006 ist sie im Vorstand des Deutschen Kinderhilfswerkes, seit Januar 2026 als Präsidentin, zuvor als Vizepräsidentin. Sie war von 2000 bis 2005 Ministerin für Justiz, Frauen, Jugend und Familie sowie Stellvertreterin der Ministerpräsidentin des Landes Schleswig-Holstein. Von 2010 bis 2017 amtierte sie als Regierungspräsidentin des Regierungsbezirk Düsseldorf.

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