Film ab für mehr Inklusion!

15 Kinder aus Berlin mit unterschiedlichen Behinderungen haben einen Märchenfilm gedreht, der nun seine Premiere feiert. Das Besondere: Der Film erscheint in Deutscher Gebärdensprache und mit Audiodeskription. Unser Projekt des Monats.

Aschenputtel, Hänsel und Gretel oder der Froschkönig: Diese Märchen wurden unzählige Male verfilmt. Doch Versionen für hör- und sehbehinderte Menschen gibt es bislang wenige. 15 Kinder aus Berlin mit unterschiedlichen Hörbehinderungen haben dagegen nun ein Zeichen gesetzt: Sie haben ein eigenes Märchen mit Deutscher Gebärdensprache und Audiodeskription entwickelt. Am Wochenende feiert ihr Film „Das Kalte Herz“ Premiere in einem Berliner Kino. Das Projekt wird vom Verein „Blinzelclub e.V.“ realisiert und über den Kinderkultur-Fonds des Deutschen Kinderhilfswerkes gefördert.  

Den Wunsch, das Projekt umzusetzen, hatten die Kinder selbst, erzählt Projektleiterin Britt Dunse. „Wir haben in der Vergangenheit bereits ähnliche Projekte umgesetzt und öffentlich gezeigt. Die Kinder haben sich dadurch gesehen gefühlt und wollten auch ihr eigenes Märchen filmen.“ Kulturelle Angebote für taube und hörbeeinträchtige Kinder in Deutscher Gebärdensprache seien bislang verschwindend gering, betont sie.  

Fast ein komplettes Jahr haben Kinder einer Schule für Gehörlose sowie sehbehinderte und blinde Kinder aus Berlin an dem Projekt gearbeitet. „Das Projekt wurde von den Kindern von der Idee bis zur Präsentation im Kino geplant, umgesetzt und ausgewertet“, sagt Dunse.  

Zu Beginn tauschten sich die Kinder zu den Themen des Märchens aus, überlegten sich das Drehbuch und übersetzten es mit Hilfe von Gebärdendolmetschenden in Deutsche Gebärdensprache. Danach malten und bastelten sie Bilder und Requisiten, machten Filmaufnahmen in der Greenbox und Pappkulissen und nahmen Geräusche und Dialoge auf.  

Auch die Audiodeskription übernahmen sie selbst und verwandelten ihren Film in einen Hörfilm, indem sie Schauplätze, Darsteller*innen, Mimik und Gestik sowie Kameraführung genau beschreiben. Die Bildbeschreibungen sind in den Dialogpausen zu hören. 

Nach Fertigstellung des Films gestalteten die Kinder Flyer mit Brailleschrift und Poster und überlegten gemeinsam, wie sie die Premiere ihres Films im Kino möglichst barrierearm gestalten können. Hierfür übten sie mit einem Workshop die Moderation in Gebärdensprache.  

Dass sie auf einer Bühne vor anderen Menschen stehen, sei für die Kinder ein wichtiges Erlebnis, betont Britt Dunse. „In ihrem Alltag versuchen die Kinder oft, ihre Behinderung zu verstecken, weil sie gelernt haben, dass ihnen mehr zugetraut wird, wenn sie sich anpassen.“ Durch das Projekt würden sie in einem selbstverständlicheren Umgang mit ihrer Behinderung gestärkt.  

„Wir alle sind in einem System aufgewachsen, indem impliziert wird, dass dein Wert für die Gesellschaft an deiner Leistung bemessen wird und, dass wir der sogenannten Norm entsprechen müssen, um nicht ausgegrenzt zu werden. In unserem Projekt erfahren die Kinder, dass das nicht stimmt und nehmen ganz selbstverständlich ihre Rechte wahr.“  Britt Dunse, Blinzelclub e.V. 

Und noch einen Effekt hat das Projekt: „Menschen ohne Behinderungen vergessen oft, wie herausfordernd und ermüdend die Anpassung an die hörende Welt für Kinder mit Hörbehinderung ist. Mit den öffentlichen Vorführungen des Films schaffen die Kinder Sichtbarkeit für unterschiedliche Behinderungen und setzen ein Zeichen für mehr Inklusion." 

Aus der Jurybegründung 

„Alle Kinder haben das Recht auf kulturelle Teilhabe – unabhängig davon, ob sie eine Behinderung haben oder nicht. Und doch müssen viele Kinder in Deutschland erleben, dass sie aufgrund ihrer Behinderung ausgegrenzt werden. Das darf nicht sein! Umso wichtiger ist es, dass Projekte wie ‘Das kalte Herz’ hörbehinderte und sehbehinderte Kinder empowern und uns allen vor Augen führen, wie viele Barrieren es in unserer Gesellschaft nach wie vor gibt. Das Projekt zeigt ganz deutlich, wie notwendig eine inklusive Kulturlandschaft ist, in der alle teilhaben können.“

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