Claudia Neumann

Bereichsleiterin Kinder- und Jugendbeteiligung

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Modellprojekt Gudvanger Straße

Die Spielstraße kommt - aber nur einmal im Monat

Sie war einmal faszinierendes Entdeckungsreservat, aufregender Spielort und gleichzeitig Zentrum für soziale Begegnungen: Die Straße. In den vorherigen Generationen verbrachten Kinder einen Großteil ihrer Kindheit draußen. Doch zum unbekümmerten Draußen-Spielen bieten Wohnumgebungen heute kaum noch Möglichkeiten: Naturflächen gibt es in der Stadt immer weniger und die Straßen werden von Autos dominiert. 

Gudvanger Straße als Treffpunkt für Jung und Alt

Das zu ändern ist die Vision des Berliner Projektes „Temporäres Spielen auf der Straße“. Ihr Plan: Einmal pro Woche von 10 bis 18 Uhr sollte die Gudvanger Straße im Berliner Bezirk Pankow gesperrt werden – zum gemeinsamen Spielen und als generationsübergreifender Treffpunkt aller Anwohner und Interessierten. Sozusagen ein „Wochenmarkt“, auf dem anstelle von Obst und Gemüse, Spiel, Begegnungen und Gespräche feilgeboten werden. Spielzeug, Ideen für Straßenspiele und Lust auf Geselligkeit gehören dazu. Dieses Projekt der Drachenreiter gGmbH in Berlin förderte das Deutsche Kinderhilfswerk im Jahr 2015 mit 5.000 Euro.

Nach zweijährigem Tauziehen zwischen Anwohnern und Bezirksamt um das Modellprojekt der temporären Spielstraße ist nun ein Kompromiss erzielt worden: Die Gudvanger Straße darf einmal im Monat für Autos gesperrt werden, damit Kinder dort spielen können.

Darauf einigten sich Kläger und Bezirk vor dem Verwaltungsgericht Ende Juni 2017. Demnach soll es nun eine Spielstraße geben, allerdings nur an einem Dienstag im Monat zwischen Mai und Oktober, mit Ausnahme des Monats August, und nur nachmittags von 14 bis 18 Uhr.

Vergleich noch nicht zufriedenstellend

Das Deutsche Kinderhilfswerk sieht den Vergleich im Streit um die Einrichtung einer temporären Spielstraße in Berlin-Pankow mit einem lachenden und einem weinenden Auge. "Natürlich ist es gut, dass nach dem zweijährigen juristischen Tauziehen das Modellprojekt nun endlich durchstarten kann. Das ist gut für die Kinder, die sich jetzt zumindest zeitweilig die Straße als Spielort zurückholen können. Zugleich muss aber kritisch gesehen werden, dass ein Spieltermin pro Monat kein Zeithorizont ist, der den Kindern im Gedächtnis bleibt. 360 Tage für die Anwohnerinnen und Anwohner, fünf für die Kinder – hier sind die Kinderinteressen schon unter die Räder gekommen. Und die Reduzierung auf den Nachmittag schließt die Nutzung durch die Kitas vor Ort weitgehend aus", betont Holger Hofmann, Bundesgeschäftsführer des Deutschen Kinderhilfswerkes.

Dem Kompromiss um die Spielstraße geht ein langer Rechtsstreit voran: Es gab Anhörungen, Verhandlungen und Demonstrationen zu der Spielstraße sowie mehrmalige Stopps des Pilotprojekts. So stellte eine Anwohnerin einen Antrag auf einstweilige Verfügung, weil das nicht einmal vierzig Meter lange Teilstück der Gudvanger Straße nicht für spielende Kinder gesperrt werden solle, da dafür die Parkplätze vor dem Haus freigemacht werden müssten. Zudem wurde hervorgehoben, dass die Kinder genauso gut den nahegelegenen Spielplatz nutzen könnten.

Dabei wurde anscheinend nicht bedacht, dass die Straße ganz andere Möglichkeiten bietet als ein gerätelastiger Spielplatz – etwa Platz zum Fahrrad-, Inliner- und Rollerfahren oder für Straßenspiele und Kreidebilder. Ebenso wenig, dass sich die Bedingungen für Kinder draußen grundsätzlich drastisch verschlechtert haben: Gerade in Wohngebieten fahren Autos zu schnell oder nehmen parkend den Kindern den Platz zum Spielen.

Spielstraßen bereits in vielen Orten erfolgreich

In Bremen, Frankfurt am Main und London läuft das Spielen-auf-der-Straße-Konzept bereits sehr erfolgreich. Auch im hessischen Grießheim können seit 2002 Bürgerinnen und Bürger, eine Spielstraße auf Zeit beantragen, um für einige Stunden den Autoverkehr auszuschließen, so dass Kinder auf der Straße vor dem Haus ohne Angst vor Verkehr spielen können.

Nach Ansicht des Deutschen Kinderhilfswerkes können temporäre Spielstraßen dafür sorgen, dass auch Kinder in dicht bebauten Innenstadtbereichen zumindest zeitweise ausreichende Bewegungs- und Freiflächen direkt in ihrem Wohn- und Lebensumfeld haben. Denn durch die ständige Verdichtung und Versiegelung unserer Städte gehen für Kinder und Jugendliche wichtige Freiflächen und Spielmöglichkeiten verloren. Auch die Stadtplanung und als Teil davon die Freiraumplanung haben sich laut UN-Kinderrechtskonvention am Vorrang des Kindeswohls zu orientieren, was zuvorderst die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen und die Herstellung kindgerechter Lebensbedingungen als Leitlinien in der Stadtgestaltung notwendig macht. Dabei geht es um die ganzheitliche Entwicklung der Städte und Gemeinden, in denen sich Kinder und Jugendliche wohl fühlen.

Der Stadtrat betonte 2015, dass die im Kiez vorhandene Spielfläche mit umgerechnet 0,31 Quadratmeter pro Einwohner deutlich unter dem gesetzlichen Richtwert von einem Quadratmeter Spielfläche liegt und, dass das Projekt bereits im Frühjahr einstimmig über alle Parteigrenzen hinweg in der Bezirksverordnetenversammlung beschlossen wurde. "Gerade in diesem Kiez um den Humannplatz gibt es viel zu wenig Spielangebote für Kinder. Außerdem können Kinder auf der Straße ganz andere Sachen spielen als auf einem Spielplatz", so Kühne damals.

Nachmacher gesucht!

In Berlin ist das Projekt als Modellprojekt angesetzt. Es soll die Straße als Spielort wieder zurückholen und mehr Erholung, Nachbarschaft und letztlich mehr Lebensqualität auch in anderen Bezirken und Städten schaffen. Wenn Sie also planen, ein Spielstraßen-Projekt zu starten - trauen Sie sich! Gerne beraten wir Sie dabei.

Wo Sie sich informieren und was Sie tun können

Jede Unterstützung ist wertvoll, um ein generationsübergreifendes Miteinander zu schaffen und die Straße wieder als Ort des Zusammentreffens zu nutzen. Sie können