Isabell Rausch-Jarolimek

Koordinierungsstelle Kinderrechte, Referentin Medien

030 308693-68
Für eine kinder- und jugendgerechte Informationsgesellschaft

Datenschutz 2.0

Das Internet und die Nutzung von Web 2.0-Angeboten sind heute nicht nur für Kinder und Jugendliche selbstverständlich. Wir alle nutzen das Internet. Und wir alle hinterlassen dort Spuren und geben mehr oder weniger bewusst personenbezogene Daten von uns oder von anderen preis. Durch diese mediale Durchdringung unserer Gesellschaft spielen die Themen Datenschutz und Wahrung der Persönlichkeitsrechte eine immer wichtigere Rolle.

Zwei maßgebliche Problemdimensionen stehen beim Thema Datenschutz im Vordergrund: Einerseits ist Datenschutz eine Frage der Regulierung von Datensicherheit und -verwaltung in technischen Systemen. Andererseits sind Datenschutz und die Wahrung von Persönlichkeitsrechten eine soziokulturelle Frage: wie verhalten sich die verschiedenen gesellschaftlichen Akteure, die entweder Daten sammeln, verwalten, weitergeben oder von sich preisgeben?

Das Deutsche Kinderhilfswerk ist ein Interessenvertreter von Kindern und Jugendlichen vor allem unter Berücksichtigung ihrer eigenen Interessen und Bedürfnisse. Aus dieser Perspektive heraus ist es zunächst nötig zu klären, wie und warum Kinder und Jugendliche das Internet nutzen und welche Haltung sie zum Schutz persönlicher Daten haben. Erst daraus lassen sich sinnvoll Forderungen ableiten, mit denen Datenschutz im Interesse von Kindern und Jugendlichen diskutiert und letztlich verbessert werden kann.

Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen – kein Bewusstsein für Datenschutz?

Kinder und Jugendliche nutzen das Internet heute wie selbstverständlich. Kinder surfen zwar noch nicht im selben Maße wie Jugendliche, aber wie aktuelle Studien zeigen, nimmt auch die kindliche Internetnutzung stetig zu. Kinder neigen dazu, das Netz explorativ und spielerisch zu nutzen. Damit verbunden ist oftmals, dass sie bestimmte Risiken nicht als Konsequenzen ihres Medienhandelns absehen können. Risiken werden besonders schwer wahrgenommen, wenn die Konsequenzen nicht direkt erfahrbar sind, sondern erst zeitverzögert drohen. Gerade im Bereich des Datenschutzes mangelt es Kindern – ähnlich wie auch Erwachsenen – an Risikobewusstsein.

Während Kinder aber oftmals noch in Begleitung von Eltern surfen, nutzen Jugendliche das Netz schon weitgehend selbstständig und jenseits pädagogischer Kontrolle. Ihr Medienverhalten zeichnet sich zwar durch Handhabungskompetenzen aus, allerdings ist ihre Fähigkeit bzw. Motivation, das eigene Medienhandeln und Medieninhalte kritisch zu hinterfragen, oftmals weniger stark ausgeprägt.

Bei Jugendlichen machen kommunikative Onlineaktivitäten einen Großteil ihres Medienverhaltens aus. Denn der Austausch und Abgleich mit Gleichaltrigen, der schon immer ein wichtiger Teil jugendlicher Identitätsentwicklung war, spielt sich heute in vielfältiger Weise online ab: In Chatrooms und über Instant Messaging Programme, per Email und vor allem in Sozialen Netzwerken. Dort werden eigene Profile gepflegt und kreativ ausgestaltet sowie Informationen über sich selbst (und andere) als inszenierte Selbstdarstellungen preisgegeben. Diese Formen der Selbstdarstellungen vollziehen sich zum Teil ohne ein Bewusstsein dafür, wem die preisgegebenen Informationen wirklich zugänglich sind und welche Risiken sich damit verbinden.

Das Internet vergisst nicht

Diese Unbekümmertheit im Umgang mit eigenen und fremden Daten ist keine neue Eigenschaft heutiger Kinder und Jugendlicher. Allerdings ist mit dem Internet als Medium für jugendliche Identitätsarbeit eines nicht mehr selbstverständlich: Fehlverhalten oder Dinge, die einem später vielleicht peinlich sein könnten, gerieten mit der Zeit in Vergessenheit.

Das ist heute anders: Kaum eine Information, die einmal digital und anderen zugänglich gespeichert war, kann einfach so vergessen gemacht werden. Das Internet vergisst nichts so leicht!

Formen des Datenmissbrauchs gibt es viele: Datenphishing in Sozialen Netzwerken, Darstellung von Fotos, deren Eigentümer nichts davon wissen oder nicht damit einverstanden sind, Internetkriminalität im Zusammenhang mit Onlinebanking oder Kreditkartenbetrug. Und obwohl diese Gefahren den meisten bekannt sind, spielt das theoretische Risikobewusstsein in der Praxis kaum eine Rolle.

Daraus ergeben sich zwei wichtige Aufgaben:

  1. Die Potenziale unserer medial vernetzten Informationsgesellschaft müssen für Kinder und Jugendliche nutzbar gemacht werden – für ihre Identitätsarbeit genauso wie für ihre gesellschaftliche Partizipation.
  2. Alle Akteure dieser Gesellschaft müssen einen verantwortungsvollen Umgang mit den neuen medialen Gegebenheiten entwickeln. Dies gilt es, pädagogisch und durch gesellschaftliche sowie gesetzliche Rahmenbedingungen aufzugreifen.

Darauf aufbauend können wir Kindern und Jugendlichen die Unterstützung zukommen lassen, die sie in diesen neuen Lebenswelten für eine erfolgreiche Identitätsarbeit benötigen.

Handlungsbedarf und Verantwortlichkeiten

Unter der Maßgabe des Vorrangs des Kinderwohls stellt das Deutsche Kinderhilfswerk verschiedene Forderungen bezüglich des Datenschutzes in all seinen Facetten. Das Ziel hierbei ist eine Optimierung des Datenschutzes und der Datenschutzkultur mit den jeweils verschiedenen Verantwortungsträgern.

Es muss insgesamt zu einer Bewusstseinsänderung sowie zu einer Anpassung der Praxis bei der Erhebung und Speicherung von Daten kommen. Dies gilt nicht nur, aber insbesondere für kommerzielle Anbieter.

Sofern diese Anpassungen nicht auf anderen Wegen durchsetzbar sind, wären hier auch Veränderungen der gesetzlichen Rahmenbedingungen nötig:

  1. Gewährleistung eines weitgehenden, sensiblen Umgangs mit der Erhebung personenbezogener Daten und die Sicherung dieser Daten vor Zugriffen Dritter. Vor allem Angebote für Kinder und Jugendliche sollten die Erhebung persönlicher Daten auf das für die jeweilige Dienstleistung notwendige Mindestmaß beschränken.
  2. Kundinnen/Kunden und Nutzerinnen/Nutzern muss eine möglichst einfache und komplette Löschung persönlicher Daten ermöglicht werden. Dies würde es beispielsweise Jugendlichen in Online-Netzwerken ermöglichen, persönliche Daten zu löschen, wenn sie diese nicht (mehr) preisgeben möchten.
  3. Anbieter von Internetangeboten oder sonstiger Dienste, die von Kindern und Jugendlichen genutzt werden, müssten stärker dazu beitragen, Hinweise zum Datenschutz verständlich zu machen. Dies könnte beispielsweise bedeuten, AGBs oder Datenschutzerklärungen neben den juristisch verbindlichen Textversionen in leicht verständlichen Versionen anzubieten. Dies würde die nötige Transparenz schaffen, um die Konsequenzen von Datenweitergabe angemessen einschätzen zu können.
  4. Hilfreich wäre ein Datenschutz-Gütesiegel, das Orientierung bietet, welche Anbieter verantwortungsvoll mit den persönlichen Daten ihrer Nutzer umgehen.

Aber: Datenschutz ist nicht nur Aufgabe von Anbietern. Für den kompetenten Umgang mit Medien müssen auch Nutzer/innen ein Bewusstsein für den Schutz eigener und fremder Daten entwickeln.

In diesem Sinne gilt es, Kinder und Jugendliche bei der Entwicklung spezifischer Medienkompetenzen zu unterstützen. Dies erfordert eine nachhaltige, medienpädagogisch fundierte Förderungsstruktur. Zudem ist es dringend notwendig, eine kinder- und jugendgerechte Landschaft mit sicheren Internetangeboten für Kinder bereitstellen zu können, die auch Usern mit geringeren Kompetenzen erste Surf- und Lernerfahrungen in sicheren Online-Umgebungen ermöglicht.

Das Deutsche Kinderhilfswerk beispielsweise bietet in Bezug auf ebendieses Ziel das pädagogisch betreute Online-Video-Portal www.juki.de an, auf dem Kinder den verantwortungsvollen Umgang mit
Web 2.0-Angeboten spielerisch erlernen können.

Fazit

Bei der Diskussion um die Optimierung von Datenschutz und der Wahrung von Persönlichkeitsrechten geht es um zwei Handlungsbereiche:

  1. Bei gesellschaftlichen Akteuren, die persönliche Daten sammeln, sollte gewährleistet sein, dass Daten nicht unnötigerweise gesammelt werden dürfen und gesammelte Daten sicher vor dem Zugriff Dritter verwaltet werden.
  2. Diejenigen, die Daten von sich preisgeben, müssen sich der Konsequenzen ihres Handelns stärker bewusst sein. Hier sind Maßnahmen zur Bewusstmachung der Risiken und Konsequenzen bei der Preisgabe eigener und fremder persönlicher Daten sowie bei einem Verlust der Kontrolle über eigene Daten nötig.

Nur so können insbesondere Kinder und Jugendliche einen bewussten Umgang mit Medien im Allgemeinen und speziell dem Internet kultivieren. Und nicht zuletzt können sie sich so ein Leben in der heutigen Informationsgesellschaft – nicht nur informationeller – Selbstbestimmung aufbauen.

Insgesamt ist dabei, auch für Erwachsene, das Verständnis einer neuen Kultur digitaler Öffentlichkeit notwendig. Nutzer/innen müssen sich bewusst machen, welche Daten und Informationen an welcher Stelle wirklich privat sind, wo sie nur beschränkt öffentlich und wo sie allgemein zugänglich sind.

Und doch: Bei allen Risiken bietet die Internetkommunikation enorme Chancen und Potenziale. Es ist die Aufgabe einer Gesellschaft, Kindern und Jugendlichen durch eine sinnvolle Verzahnung von Datenschutz, Jugendmedienschutz und zuvorderst Förderung von Medienkompetenz diese Potenziale nutzbar zu machen.

Denn Kinder und Jugendliche haben ein Recht darauf, sich auch mittels des Internets ihnen angemessene Informationen zu beschaffen, sich entsprechender Unterhaltungsangebote zu bedienen – und sich aktiv und kreativ an gesellschaftlichen Debatten und Entscheidungen zu beteiligen.