Nina Ohlmeier

Bereichsleiterin Politische Kommunikation

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Repräsentativ und von infratest dimap

Studie zu Kinderarmut

Welche Gründe hat Kinderarmut, wird sie ausreichend bekämpft, welche Möglichkeiten haben Verantwortliche aus Politik und Gesellschaft? Und könnten mehr Steuern helfen? Erstaunliche Antworten liefert eine neue Studie des Deutschen Kinderhilfswerkes.

Ein Großteil der Bevölkerung in Deutschland fordert eine umfassende Veränderung politischer Rahmenbedingungen, um die Kinderarmut in Deutschland zu bekämpfen. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage aus dem Jahr 2014 von infratest dimap im Auftrag des Deutschen Kinderhilfswerkes.

Als Maßnahmen zur Bekämpfung von Kinderarmut werden vor allem gefordert, einkommensschwache Familien und deren Kinder mit Lehrmittelfreiheit (97 Prozent), kostenfreiem Essen in Schule und Kita (86 Prozent) und auch kostenfreien Beteiligungsmöglichkeiten an Bildung, Kultur und Sport (81 Prozent) zu unterstützen sowie mit kostenlosen Ganztagsbetreuungen in Schulen und Kitas (84 Prozent).

Sehr stark verbreitet ist auch die Forderung, in Schulen und Kitas mehr Fachkräfte und Sozialarbeiter (94 Prozent) einzusetzen, die sich um benachteiligte Kinder kümmern. Kein gutes Zeugnis wurden staatlichen und gesellschaftlichen Verantwortungsträgern ausgestellt: Drei von vier der Befragten (72 Prozent) sind der Ansicht, diese würden „eher wenig“ oder „sehr wenig“ tun, um Kinderarmut wirkungsvoll entgegenzutreten.

Bereit für mehr Steuern, um Kinderarmut zu bekämpfen?

Auch bei der Frage der Finanzierung der notwendigen Maßnahmen gibt es eine große Übereinstimmung: 66 Prozent der Bundesbürger wären bereit, mehr Steuern zu bezahlen, wenn damit das Problem der Kinderarmut in Deutschland wirksam bekämpft würde. Der Erwerbsstatus von Eltern sowie politische Rahmenbedingungen werden von der Bevölkerung als die wesentlichen Einflussfaktoren auf das Wohl von Kindern in Deutschland eingeschätzt. Niedrige Einkommen durch prekäre Arbeitsverhältnisse (85 Prozent) sowie die besondere Situation von Alleinerziehenden (75 Prozent) sind laut Umfrage die Hauptgründe für fehlendes Geld in Familien und damit auch die wichtigsten Auslöser für Kinderarmut in Deutschland.

„Diese Zahlen lassen in ihrer Deutlichkeit keinen Spielraum für Interpretationen, die Menschen in Deutschland sehen Staat und Gesellschaft ganz klar in der Pflicht, entschiedener als bisher die Kinderarmut in Deutschland zu bekämpfen.", so Thomas Krüger, Präsident des Deutschen Kinderhilfswerkes.

Für die repräsentative Umfrage zur Kinderarmut in Deutschland wurden von infratest dimap im Auftrag des Deutschen Kinderhilfswerkes deutschlandweit 1.008 Wahlberechtigte ab 18 Jahren mittels computergestützter Telefoninterviews befragt.

Forderungen des Deutschen Kinderhilfswerkes

Nach Berechnungen des Deutschen Kinderhilfswerkes sind derzeit rund 2,7 Millionen Kinder und Jugendliche in Deutschland von Armut betroffen. Keine andere gesellschaftliche Altersgruppe ist so stark von Armut betroffen wie Kinder und Jugendliche. Das Deutsche Kinderhilfswerk fordert deswegen von der Politik:

1. Nationales Progamm

Das Deutsche Kinderhilfswerk fordert ein nationales Programm mit einem eigenständigen Bericht der Bundesregierung zur Kinderarmut. Länder und Kommune sollten ein umfangreiches Maßnahmenpaket mit konkreten Zielvorgaben vorlegen. Analog der unterschiedlichen Lebenslagen sind hier auch politische Bereiche miteinander zu verknüpfen: Arbeitsmarkt- und Beschäftigungspolitik sind ebenso zu berücksichtigen, wie Familien- und Bildungspolitik, Gesundheits- und Sozialpolitik sowie Stadtentwicklungs- und Wohnungsbaupolitik.

2. Bedarfsgerechte Kindergrundsicherung einführen

Mit einer Kindergrundsicherung kann die Lebensgrundlage von Kindern unabhängig der familiären Situation gesichert werden. Eine bedarfsgerechte Kindergrundsicherung sollte Familien zugute kommen, bei denen der Kinderfreibetrag im Einkommenssteuerrecht nicht zum Tragen kommt. So wird sichergestellt, dass Familien mit geringerem Einkommen stärker von der Kindergrundsicherung profitieren als Familien mit hohen Einkommen. Zur Festlegung der Höhe einer Kindergrundsicherung ist eine Expertenkommission unter Einbezug von Sachverständigen, Parteien- und Verbandsvertreter/-innen sowie Kindern und Jugendlichen einzurichten.

3. Mitbestimmungs- und Mitwirkungschancen schaffen

Der Kinderreport 2012 des Deutschen Kinderhilfswerkes hat gezeigt, dass Kinder durch Mitbestimmung schon in jungem Alter soziale Kompetenzen entwickeln, die sie stark machen und im Alltag Eigeninitiative und Verantwortungsübernahme fördern. Durch frühe Mitbestimmung können Kinder die Folgen von sozialer Benachteiligung kompensieren, sie bietet einen Weg aus der Armut heraus.

4. Bildungschancen sicherstellen

Längeres gemeinsames Lernen schafft bessere individuelle Förderung. Ganztags- und Gemeinschaftsschulen bieten hierfür neben den Unterrichtszeiten Raum für soziales Lernen und das Sammeln von Erfahrungen.Ganztagsschulen sind entsprechend flächendeckend auszubauen und gleichzeitig Lernmittelfreiheit einzuführen. Dazu sollte das Kooperationsverbot zwischen Bund und Ländern in der Schulpolitik beendet werden.

5. Betreuungsqualitäten

Bildung und mehr Bildungsgerechtigkeit muss nach Ansicht des Deutschen Kinderhilfswerkes bereits im Bereich der frühkindlichen Bildung beginnen. Hierfür sollte ein Investitionsprogramm in Höhe von 50 Milliarden Euro von Bund, Ländern und Kommunen für die nächsten zehn Jahre bereitgestellt werden.

Die kompletten Handlungserfordernisse des Deutschen Kinderhilfswerkes finden Sie hier:
zu den Handlungserfordernissen