Christina Sieveking

Koordination Patenschaftsprojekte

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Patenschaften für geflüchtete Kinder

"Wir sind uns heute ein großes Stück nähergekommen"

Kayla im Museum, fotografiert von ihrer Patin Sünje.

Mit dem Projekt HUCKEPACK vermittelt das Deutsche Kinderhilfswerk erwachsene Patinnen und Paten für geflüchtete Kinder und Jugendliche in Berlin. Hier erzählen einige der Patinnen und Paten, was sie gemeinsam mit ihrem Patenkind erleben und wie sich ihre Beziehungen zueinander entwickeln.

Patin Hannah mit Patenkind Hayet, 14 Jahre alt und aus Syrien

Die Geschwister Hayet und Mohamed* unternehmen mit ihrer Patin Hannah und ihrem Paten Matthias viele Ausflüge, erforschen ihre neue Umgebung, üben gemeinsam Deutsch und lernen dabei viel voneinander. Hier berichtet Hannah, was die Vier zusammen erlebt haben –  mit allen Herausforderungen und schönen Momenten.

Berlin entdecken

Unser erstes Treffen! Ich traf mich mit den beiden Geschwisterkindern Hayet und Mohamed und Mohameds Paten Matthias. Als erstes besprachen wir, was wir heute unternehmen möchten und einigten uns auf eine Erkundungstour der berühmtesten Wahrzeichen Berlins.

Also machten wir uns auf zum Brandenburger Tor, besuchten den Reichstag und wir zeigten ihnen die Spree und den Gendarmenmarkt. Die beiden waren ein wenig schüchtern – es war immerhin unser allererstes Treffen – aber gleichzeitig neugierig und interessiert und stellten uns zwischendurch Fragen zu dem Gesehenen. Da es regnete, gingen wir schließlich einen heißen Kakao trinken. Dies war für mich der persönlichste Teil. Hier unterhielten wir uns über ihre ersten Eindrücke von Berlin, über ihre Schule und welche Aktivitäten sie am liebsten machen, aber wir erzählten uns auch, was wir uns von der Patenschaft wünschen und wie wir uns diese vorstellen. Vor allem Mohamed war sehr schüchtern, hat sich aber gegen Ende hin mehr geöffnet.

Im Museum für Kommunikation

Heute waren wir im Museum für Kommunikation. Hayet und Mohamed waren sehr interessiert und haben die interaktiven Angebote des Museums ausgiebig genutzt. Hayet hat mehrfach versucht, altdeutsche Schrift vorzulesen, was gut geklappt und uns alle zum Lachen gebracht hat. Mohamed war vor allem begeistert von der Rohrpost und hat Matthias mehrere Nachrichten – auf Deutsch – geschickt. Ein kleiner Höhepunkt des Nachmittags war die stolze Freude, als die beiden nach langem Üben das Wort Kommunikation richtig aussprechen konnten. Fazit des Tages: Beide waren sehr angetan von dem Museum und sind mehr aus sich herausgegangen als beim letzten Treffen. Das habe ich besonders im Spielbereich gemerkt, wo wir Teams gebildet haben, was auch sehr gut funktioniert hat.

Mit dem Fahrrad übers Tempelhofer Feld

Da Matthias und ich uns vorgenommen hatten, auch sportliche Aktivitäten mit Hayet und Mohamed zu machen, sind wir mit ihnen zum Tempelhofer Feld gefahren. Ursprünglich war nicht geplant, dass die Kinder Fahrrad fahren würden, jedoch haben sie sich auf ihre eigene Initiative hin, auf mein Fahrrad gesetzt und sind damit über das Tempelhofer Feld geflitzt. Es war ihnen deutlich anzusehen, wie viel Spaß sie daran hatten. Anschließend haben sie so viel von sich erzählt wie noch nie zuvor: über ihre Flucht nach Deutschland, dass sie auf Rumänisch zählen können, in welche Schulprojekte sie eingebunden sind... Ich fand es wahnsinnig spannend, ihnen zuzuhören. Beim Frisbeespielen später ist vor allem Hayet sehr aus sich herausgegangen und hat aktiver mitgemacht als bei den bisherigen Treffen. Sie hat mich oft gefragt, ob ich sie beim Fahrradfahren begleiten kann, da sie sich nicht allein getraut hat. Auf dem Rückweg zur Bahn hat Hayet den Wunsch geäußert, mal etwas „ohne die Jungs“ zu machen, was wir in Kürze auch umsetzen werden.

Wilde Tiere im Zoo

Beide Kinder hatten sich einen Zoobesuch gewünscht und waren entsprechend voller Vorfreude. Mohamed hat vorher bereits jede Menge Tiere aufgezählt, die er sehen wollte. Hayet war schon einmal im Zoo, hat sich aber trotzdem gefreut. Obwohl wir fast fünf Stunden durch den Zoo gelaufen sind, waren beide total motiviert und haben sich interessiert alle Informationen über die Tiere erzählen lassen. Mohamed wollte bei fast jedem Tier wissen, ob es "wild" sei (wir vermuten, dass er "gefährlich" meinte), übrigens auch bei Seehunden und Lamas. Im großen Vogelgehege wollte er sich dann aber doch lieber nicht neben ein besonderes neugieriges Federtier stellen und fotografieren lassen. Irgendwann stieß Hayet ein "Mir ist langweilig" aus, woraufhin wir ihr freundlich erklärten, dass wir alle zusammen im Zoo sind und der Rest der Gruppe die Tiere nicht langweilig findet. Hayet hat diesen Hinweis gut aufgefasst und entsprechend mehr Rücksicht genommen. Beide Kinder hatten – im Gegensatz zu uns Paten – viel Proviant dabei, was sie ganz selbstverständlich geteilt haben. Beim Essen haben beide erzählt, dass sie jetzt Fahrräder besitzen und dass sie gerne wieder mit uns aufs Tempelhofer Feld fahren möchten.

Lesestunde im Café

Hayet und ich trafen uns in einem Café in Berlin-Wedding, um dort Lesen zu üben. Hayet hatte großen Spaß, aus dem Buch "Ben liebt Anna" vorzulesen. Bei einer Tasse Kakao haben wir uns anschließend über den Inhalt des Buches unterhalten sowie darüber, wie es ist, neu in eine Klasse zu kommen und eine neue Sprache zu lernen. Hayet ging sehr offen mit den Themen, die sie betreffen, um. Zum Schluss hat sie noch einen Brief verfasst, in dem sie einer Freundin von dem Buch erzählt. Ich habe deutlich gemerkt, dass Hayet mehr von sich aus berichtet hat. Wir haben uns über unsere Lieblingsbücher unterhalten und ich habe ihr vorgeschlagen, ihr ein paar meiner Jugendbücher auszuleihen. Die Idee fand sie super! Wir haben uns mit Vorsatz verabschiedet, mehr miteinander zu lesen.

Neue Schule und Mädchentreff

Heute war der Besuch von Hayets neuer Schule und dem danebenliegenden Mädchentreff angesagt! Hayet war sichtlich angetan vom Angebot des Mädchentreffs und hat sich auch sehr gefreut, ihre neue Schule schon einmal im Vorab zu besichtigen. Allerdings bezweifle ich, dass Hayet aufgrund ihrer Schüchternheit das Angebot des Mädchentreffs wahrnehmen wird, obwohl die dortige Pädagogin und die anwesenden Mädchen sehr nett waren. Sie hat viel von sich und von ihren Erwartungen an die neue Schule erzählt. Ich finde es großartig, dass sie mit mir mittlerweile auch Dinge wie ihre Berufswünsche und ihre Sorgen bespricht. Aus diesem Grund habe ich mir vorgenommen, mich mehr mit Hayet allein, ohne ihren Bruder Mohamed, zu treffen.

Fahrradtour mit Picknick

Diesmal haben Matthias und ich wieder Hayet und Mohamed zusammen mitgenommen – beide hatten sich lange gewünscht, dass wir eine Fahrradtour unternehmen und wir fanden, dass so etwas zu viert mehr Spaß macht. Beide Kinder haben durchgehalten, ohne sich großartig gegenseitig zu ärgern! Zuweilen ist es jedoch etwas schwierig gewesen, mit den Kindern durch den Berliner Stadtverkehr zu radeln. Gerade Mohamed hatte große Lust auf "show-off" und musste öfters "zurückgepfiffen" werden. Nachdem wir eine Weile herumgefahren waren, haben wir ein kleines Picknick gemacht und dabei "Stadt, Land, Fluss" auf Deutsch gespielt - und Hayet und ich haben jedes Mal haushoch gegen Mohamed und Matthias gewonnen! Danach hat Matthias mit Mohamed Fußball gespielt, ich habe Hayet gezeigt, wie ein "Himmel und Hölle" gebastelt wird, was anschließend für große Erheiterung gesorgt hat. Beide sind mittlerweile sehr offen Matthias und mir gegenüber und haben wirklich Spaß an allen Aktivitäten! Wir haben uns vorgenmmen, mehr Fahrradtouren im Grünen zu unternehmen und den Stadtverkehr möglichst zu meiden. Am Ende des Treffens kündigten Hayet und Mohamed an, dass sie im Ramadan keine Zeit und Energie für Treffen haben werden, sodass wir uns erst im Juli wiedersehen werden.

Ein Frosch beim Eisessen

Eisessen im Viktoriapark! Nachdem wir uns alle wegen des Ramadans eine Weile nicht gesehen hatten, hat es kurz gedauert, bis wir uns wieder aneinander gewöhnt hatten, doch dann haben wir schnell wieder an alte Gespräche und Gemeinsamkeiten angeknüpft. Beide Kinder waren sehr entspannt, locker und gelöst, obwohl wir kein großartiges Programm geplant hatten und hauptsächlich den Viktoriapark erkundet haben. Dabei haben wir unter anderem einen Mini-Frosch gefunden – der sonst so mutige Mohamed wollte ihn allerdings unter KEINEN UMSTÄNDEN auf die Hand nehmen und Hayet hatte auch schon das Weite gesucht... Anschließend haben wir noch eine Hochzeitsfeier gesehen und uns über die Unterschiede zwischen einer deutschen und einer arabischen Hochzeit unterhalten. Matthias und ich hatten insgesamt den Eindruck, dass Hayet und Mohamed immer besser miteinander klar kommen. Und für das nächste Treffen haben wir Freiluftkino ins Auge gefasst!

Mit Kopftuch im Kino

Wie wir uns vorgenommen hatten, waren wir bei diesem Treffen im Kino im Film "Pets". Hayet trug an diesem Tag zum ersten Mal ihr Kopftuch und war sichtlich unsicher bezüglich unserer Reaktion. Mohamed hat sie immer wieder damit aufgezogen, bis wir ihn gebeten haben, das zu lassen. Für eins der nächsten gemeinsamen Treffen haben wir uns überlegt, Minigolf spielen zu gehen, was die beiden eine super Idee fanden. Ich persönlich möchte bald auch wieder ein Einzeltreffen mit Hayet, unter anderem, um mit ihr allein ihre Entscheidung, ein Kopftuch zu tragen, zu besprechen.

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Patin Sünje mit Patenkind Kayla, 7 Jahre alt und aus Syrien

Patin Sünje unternimmt mit ihrem Patenkind Kayla* schöne Ausflüge ins Naturkundemuseum, auf den Spielplatz und in den Streichelzoo. Dabei kommen sich die beiden langsam näher. An dieser Stelle erzählt Sünje von ihren Erlebnissen mit Kayla.

Ein sehr schönes erstes Treffen

Heute traf ich mich das erste Mal mit Kayla. Ich habe sie um 14 Uhr in ihrer Unterkunft abgeholt. Ihre Schwester sagte mir, sie würde nicht alleine gehen wollen und fragte ob sie mitkommen könne. Da ich verstehen kann, dass Kayla noch schüchtern ist und sie sich erst an mich gewöhnen muss, willigte ich sofort ein.

Wir waren im "Kindermuseum MACHmit!", wo Kayla plötzliche total auftaute und einen sehr großen Gefallen am Klettern, Entdecken und Spielen fand. Um 15.30 Uhr fuhren wir zurück, da sich die Schwester um 16 Uhr mit ihrer Patin verabredet hatte. Ich fragte Kayla, ob sie noch eine Stunde mit mir auf den Spielplatz gehen wolle und da sie sich anscheinend nun sicherer bei mir fühlte, stimmte sie freudig zu. Wir liefen zum zehn Minuten entfernten Spielplatz und verbrachten dort eine weitere Stunde. Wie mit ihrer Mutter abgesprochen, brachte ich Kayla um 17 Uhr zurück in die Unterkunft. Ich fragte Kayla, ob es ihr Spaß gemacht hätte und sie antwortete mir mit einem großen Lächeln und einem Ja! Sie zählte mir auf, wo sich noch überall hingehen möchte und fragte, ob ich gleich morgen Zeit habe. Ich versprach ihr, auf ihren Wunsch, dass wir nächste Woche ins Naturkundemuseum gehen würden, um uns die Dinosaurier anzusehen. Es war ein sehr schönes erstes Treffen und ich freue mich schon auf nächste Woche.

Naturkundemuseum und Spielplatz

Wie versprochen, holte ich Kayla wieder um 14 Uhr in ihrer Unterkunft ab. Wieder sollte ihre Schwester mitkommen, wogegen ich natürlich nichts einzuwenden hatte. Wir fuhren eine Station mit der U-Bahn zum Naturkundemuseum. Dort verschwand auch ihre anfängliche Schüchternheit, als sie die großen Dinosaurierskelette sah, die sie sehr zu beeindrucken schienen. Erst war sie ein wenig ängstlich und skeptisch, aber nach und nach fand sie großen Gefallen an der Vielfalt der Tierwelt, die dort vorgeführt wurde. Sie war sehr interessiert und wollte gerne wissen, um welche Tiere es sich in den Glaskästen handelte. Als ich ihr sagte, dass wir uns einige der Tiere auch lebendig anschauen könnten, stimmte sie freudig zu. Nach dem Museum gingen wir zu dritt wieder für eine Stunde auf den Spielplatz, wo Kayla erst alleine und dann mit anderen Kindern spielte.

Eine Runde auf dem Pony und ein Eis für den Rückweg

Die letzten beiden Sonntage konnten Kayla und ich uns nicht treffen, da sie krank war. Ich machte mir schon Sorgen, ob wir nach einer zweiwöchigen Pause nun von vorne anfangen müssten, aber es war das Gegenteil der Fall. Kayla ging heute zum ersten Mal alleine mit mir mit, als ich sie wieder um 14 Uhr abholte. Sie hatte einen Ball dabei und wollte damit spielen. Ich schlug ihr vor, zu einem kleinen Bauernhof zu fahren, der auch einen Spielplatz für Kinder bietet. Dieser befindet sich 300 Meter vom U-Bahnhof Leopoldplatz entfernt, gleich neben einer Kleingartenkolonie. Dort gibt es Gänse, Ponys, zwei Schweine, Schafe, Ziegen und außerdem ein paar Meerschweinchen. Erst war Kayla ängstlich und wollte lieber mit mir Ball spielen und klettern. Doch als ich ihr zeigte, dass ihr die Tiere nichts tun werden, traute sie sich auch näher an sie heran und ritt sogar eine Runde auf einem Pony! Auch die Schweine gefielen ihr gut, sogar die Ziegen hat sie gestreichelt. Mit einem vom Hof gestellten Kinderfahrrad wollte sie schließlich fahren üben. Ich half ihr, doch ließ sie zwischen durch immer wieder kurz los, was sie sehr freute und stolz machte, da es ihr zeigte, dass sie alleine gefahren war. Fast drei Stunden verbrachten wir dort, Kayla wollte gar nicht mehr gehen, schließlich versprach ich ihr ein Eis für den Rückweg, ansonsten hätte sie wahrscheinlich ewig dort spielen wollen. Ich habe mich sehr gefreut, dass sie heute so viel Spaß hatte und mir in vielen Momenten vertraut hat und somit auch neue Dinge kennenlernen konnte und Erfahrungen machen konnte. Es war ein sehr schöner und erfolgreicher Tag, wir sind uns heute ein ziemlich großes Stück nähergekommen.

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* Die Namen sind von der Redaktion geändert.