Position des Deutschen Kinderhilfswerkes

11 – SPIELRÄUME SCHAFFEN!

Kinderfreundliches Wohnumfeld

Staat und Gesellschaft stehen heute mehr denn je vor der Aufgabe, in unseren Städten und Gemeinden ein kinderfreundliches Wohnumfeld herzustellen. Es besteht ein dringender Bedarf, bessere Qualitäten im Wohnumfeld für Kinder und Familien zu schaffen. Dieser Bedarf begründet sich aus der Veränderung des öffentlichen Raums in den letzten Jahrzehnten – zum Nachteil junger Menschen.

„Kinderfreundlichkeit“ muss in der Festlegung und Ausgestaltung kommunalpolitischer Schwerpunkte zu einem echten Markenzeichen werden.

Verinselung, Verhäuslichung und Medienkonsum von Kindern sind die zentralen Begriffe in der aktuellen Diskussion zur Veränderung von Kindheit. Diese Veränderungen haben gravierende Auswirkungen auf das Spielverhalten von Kindern: Kindheit findet zunehmend in Binnenräumen statt, vor dem Computer, vor dem Fernseher. Dadurch haben Kinder weniger Kontakt mit der natürlichen Umwelt, soziale Kontakte müssen organisiert werden. Außerdem ist festzustellen, dass sich Kinder und Jugendliche immer weniger bewegen. Sportpädagogen und Ärzte schlagen Alarm: Fast jedes zweite Kind weist schon bei der Einschulungsuntersuchung Haltungsschäden auf, jedes fünfte Kind ist zu dick.

180 Minuten werden als das Maß für ausreichende Bewegung angesehen. In Deutschland bewegt sich ein Kind aber durchschnittlich nur noch 60 Minuten am Tag. Ein Unterschied zwischen Land- und Stadtkindern ist hier übrigens nicht erkennbar. Vielmehr sind es die Kinder der unteren sozialen Schichten und Kinder mit Migrationshintergrund, die etwa deutlich mehr Zeit vor dem Bildschirm verbringen.

Es sind der Mangel an Brach- und Freiflächen sowie die fortschreitende Dominanz des Straßenverkehrs, die öffentlichen Räume für Kinder unattraktiv machen. Die ehemals bespielbare Straße ist mittlerweile fast ausschließlich den Autofahrern vorbehalten.

In vielen deutschen Städten und Gemeinden kommen auf ein Kind vier Autos. Das Verschwinden von Kindern aus öffentlichen Räumen bedeutet nicht nur eine Verarmung ihrer Erlebnisqualitäten, ihres Erfahrungsreichtums, sondern ebenso der Stadtqualität insgesamt – wie öde sind unsere Städte ohne sichtbar spielende Kinder.

Was können wir also tun, damit sich wieder mehr Kinder vor der Haustür bewegen? Zunächst müssen wir uns davon lösen, sie auf Spielplätze oder Flächen von minderer Freiraumqualität am Orts- oder Quartiersrand zu verweisen. Diese allein können den Verlust an Spielmöglichkeiten und vor allem gestaltbaren Räumen im Wohnumfeld nicht ausgleichen. Es gilt deshalb, städtebauliche Strukturen zu erhalten und zu schaffen, in denen Spielen möglich ist, die zum Gestalten und Erleben einladen sowie Gefahrlosigkeit und Zugänglichkeit gewährleisten. Hiermit werden im Übrigen nicht nur kinderfreundliche, sondern ebenso freundliche Bedingungen für alle Generationen geschaffen.

Alle Planungs- und Umsetzungsebenen der Kommunen sollten in diesen Prozess einbezogen sein. Ausgangspunkt sind die vorhandenen Strukturen, das heißt, relevante Orte, die unter der Beteiligung von Kindern und Jugendlichen sichtbar werden. Anschließend kann auf allen Ebenen, sowohl bei der Flächennutzungs- als auch in der Objektplanung, das Qualitätsziel „Kinderfreundlichkeit“ verwirklicht werden. Dafür sind entsprechende Budgets im Haushalt, eine ressortübergreifende Arbeitsweise sowie eine entsprechende Ausbildung von Mitarbeitern erforderlich.

Als gelungenes Beispiel für die Wirksamkeit eines solchen Vorgehens kann die Spielleitplanung angesehen werden, die im Bundesland Rheinland-Pfalz erfolgreich erprobt wurde und mittlerweile in vielen anderen Bundesländern von Kommunen eingesetzt wird. Mit dem Programm „Kinderfreundliche Stadtgestaltung“ (siehe www.kinderfreundliche-stadtgestaltung.de) unterstützt das Deutsche Kinderhilfswerk Kommunen bei der entsprechenden Öffentlichkeitsarbeit, Mittelakquise und Planung. So können Städte und Gemeinden dafür Sorge tragen, dass „Kinderfreundlichkeit“ kein leeres Versprechen bleibt, sondern durch einen nachhaltigen Paradigmenwechsel in der Festlegung und Ausgestaltung kommunalpolitischer Schwerpunkte zu einem echten Markenzeichen wird.

Zum Download: Positionspapier 11 SPIELRÄUME SCHAFFEN! Kinderfreundliches Wohnumfeld