Seit 2008 initiieren wir den Weltspieltag

„Kinder sollten überall spielen können“  

Jedes Jahr am 28. Mai initiiert das Deutsche Kinderhilfswerk den Weltspieltag. Seit seiner Gründung vor 50 Jahren setzt sich der Verein für mehr Spielraum ein. Im Interview spricht Claudia Neumann, Abteilungsleiterin Kinder- und Jugendbeteiligung, darüber, warum es wichtig ist, dass Kinder gemeinsam draußen spielen, welche Hürden es gibt – und wie unsere Städte kinderfreundlicher werden können.  

Am Weltspieltag am 28. Mai steht das Kinderrecht auf Spiel im Vordergrund. Warum ist dieses Recht für Kinder so bedeutend?    

Das Recht auf Spiel ist eines der elementarsten Kinderrechte. Spielen ist für Kinder ein ähnlich wichtiges Grundbedürfnis wie Essen und Atmen. Wenn sie spielen, begreifen Kinder die Welt. Sie lernen viel über ihren eigenen Körper: Wie schnell kann ich rennen, bevor ich hinfalle? Und sie lernen beim gemeinsamen Spielen soziale Interaktion, zum Beispiel indem sie mit anderen Kindern Regeln aushandeln. All das brauchen sie, um gesund aufwachsen zu können, ihre Persönlichkeit zu entfalten und ihren Körper mit all seinen Fähigkeiten zu entwickeln.  

Das Deutsche Kinderhilfswerk feiert dieses Jahr sein 50. Jubiläum. Den Gründungsmitgliedern ging es 1972 vor allem darum, die Spielplatzsituation in Deutschland zu verbessern. Welche Rolle haben die Themen Spiel und Bewegung für die Entwicklung der Organisation gespielt?  

Das Deutsche Kinderhilfswerk wurde von Münchner Kaufleuten gegründet, die sich für bessere und abwechslungsreichere Spielplätze einsetzen wollten. Das hat unsere Arbeit stark geprägt. Heute setzen wir uns auf vielfältige Art und Weise für das Recht auf Spiel ein. Wir fördern Spielplätze und beteiligungsorientierte Spielraumprojekte in ganz Deutschland und machen mit unserer Lobby- und Öffentlichkeitsarbeit auf die Spielplatzsituation aufmerksam. Unter anderem, indem wir mit unseren Partnern im Bündnis Recht auf Spiel seit 2008 jährlich den Weltspieltag initiieren.  

Zum diesjährigen Weltspieltag fordert das Deutsche Kinderhilfswerk, dass Kinder mehr gemeinsam draußen spielen können sollen. Warum ist das für ihre Entwicklung so wichtig?  

Wenn sie an der frischen Luft rumtoben, können sich Kinder richtig frei entfalten. Schon vor der Pandemie war es für sie nicht immer möglich, gemeinsam draußen zu spielen, aber in der Coronazeit ist das besonders kurz gekommen. Die Kinder haben sich in Innenräume zurückgezogen, waren mehr in den Familien oder mit einzelnen Freunden unterwegs. Einfach rauszugehen, andere Kinder zu treffen und sich auszutoben, hat nachgelassen. Deshalb wollen wir daran erinnern, wie wichtig Draußenspielen ist. Mit unseren Partnern, den Kinderfreundlichen Kommunen, wollen wir außerdem aufzeigen, was alle Kommunen tun können, um das Draußenspiel zu fördern – und welche Hürden es gibt.  

Welche Hürden sind das beispielsweise?  

Es ist aus meiner Sicht fatal, dass es nicht zur Pflichtaufgabe einer Kommune zählt, Spielräume zu schaffen. Einige Kommunen haben sich zwar selbst dazu verpflichtet, aber das bleibt wirkungslos, wenn sie nicht die Mittel haben, ihre Pläne auch umzusetzen. Da braucht es von Bund und Ländern mehr Unterstützung, damit sich die Kommunen darum kümmern können. Am Weltspieltag machen wir gezielt darauf aufmerksam, dass Kinder in unseren Städten nicht jederzeit und überall spielen können. Dazu veranstalten unsere Partner bundesweit Aktionen. In Berlin Marzahn überreichen Kinder zum Beispiel Forderungen für eine kinderfreundliche Stadt an den Bezirksbürgermeister. Denn es geht an dem Tag nicht nur ums Spielen an sich: es geht auch um eine möglichst kinderfreundliche Stadt- und Verkehrsplanung

Was macht eine kinderfreundliche Stadt in Hinblick auf Spielraum aus?  

Wenn wir an kinderfreundliche Städte denken, geht es nicht allein darum, wie viele Spielplätze existieren, sondern um eine grundlegende Veränderung: Unsere Städte müssen insgesamt bespielbar werden. Jugendliche sollten mit ihrer Skateranlage zum Beispiel nicht an den Stadtrand gedrängt werden, sondern mitten in der Gesellschaft gern gesehen sein. Kinder sollten auch auf der Straße spielen können. Das können sie aber kaum, weil unsere Straßen im Moment nur für den ruhenden und stehenden Verkehr ausgelegt sind. In Deutschland gibt es viermal mehr Autos als Kinder – dementsprechend ist auch der Straßenraum verteilt.  Und wenn irgendwo Spielraum geschaffen wird, muss auch dafür gesorgt werden, dass Kinder diese Räume möglichst eigenständig sicher erreichen können: zu Fuß, mit dem Roller oder mit dem Fahrrad.  

Wie arbeitet das Deutsche Kinderhilfswerk dafür, diese Ziele zu fördern?  

Wir sind seit Jahren im Aktionsbündnis Temporäre Spielstraßen aktiv und arbeiten darüber zum Beispiel mit dem Berliner Senat an einem Leitfaden, wie Spielstraßen vereinfacht eingerichtet werden können. Einmal im Jahr machen wir mit unserer Aktion „Zu Fuß zur Schule und zum Kindergarten“ darauf aufmerksam, wie sich unsere Städte dafür verändern müssten, damit Kinder sicher zu Fuß, mit dem Roller oder dem Fahrrad unterwegs sein können. Außerdem setzen wir uns in einem bundesweiten Gremium für Naturerfahrungsräume ein, also dafür, dass Kinder selbst in verdichteten Innenstadtquartieren einen naturbelassenen Raum zum Spielen vorfinden. 

Das Deutsche Kinderhilfswerk setzt sich in seinem Jubiläumsjahr für ein kindgerechtes Deutschland ein. Was ist Ihr persönlicher Wunsch für ein kindgerechtes Deutschland?   

Dass es selbstverständlich wird, dass Kinder und Jugendliche an einer kinderfreundlichen Stadt- und Verkehrsplanung beteiligt werden. Sie sollten von Anfang an mit am Planungstisch sitzen, mit Erwachsenen auf Augenhöhe diskutieren, und ihre Ideen einbringen können. Dann hoffe ich, dass sich unsere Städte dementsprechend Stück für Stück verändern: dass es normal ist, dass es temporäre Spielstraßen gibt, dass Kinder sicher zu Fuß zur Schule kommen – und, dass wir irgendwann keine Spielplätze mehr brauchen, weil Kinder überall spielen können.