Impuls

Sprechen über den Tod: Wie sag ich’s meiner Familie?

Ein Gastbeitrag des Online-Magazins Prinzip Apfelbaum

von Karl Grünberg

Gedanken an das Lebensende, ein inneres Abschiednehmen, vielleicht eine schwere Erkrankung – es ist leichter, mit Fremden über das Sterben zu sprechen, als mit der eigenen Familie. Wie wir dennoch ins Gespräch kommen und was dabei zu beachten ist.

Renate ging es gut in München. Hier hatte sie die meiste Zeit ihres Lebens verbracht, ihre Kinder großgezogen, ihren Töpferschmuck hergestellt und einen großen Freundeskreis aufgebaut. München war ihre Heimat. Doch Renate wurde älter und in einem Heim wollte sie auf gar keinen Fall enden. Renate überwand sich und sprach endlich mit ihrer Tochter.

„Ich schlug ihr vor, zu uns nach Berlin zu ziehen, in eine Wohnung gleich neben unserer“, berichtet die Tochter. Renate willigte ein. Von nun an kümmerte sie sich um die Enkelkinder, holte sie erst aus der Kita und dann von der Schule ab, machte mit ihnen Hausaufgaben und spielte mit ihnen Karten. Renate fand sogar neue Freunde in Berlin – bis ein Schlaganfall alles änderte. Nun löste die Tochter ihr Versprechen ein und kümmerte sich um ihre Mutter. In ein Heim sollte sie nicht kommen. „Wie gut, dass wir alles vorher geklärt hatten“, sagt die Tochter heute.


Klären, was werden soll

Ein Gespräch mit der Familie über das eigene Lebensende ist wichtig und wird dennoch gerne verdrängt. Dabei wäre rechtzeitig zu klären, was werden soll, wenn man älter wird. Wer kann die Betreuung übernehmen? Wo leben die Kinder? Oder wäre ein Seniorenheim besser? Auch den Tod sollte man nicht aussparen. Hat man Angst vor dem Sterben? Wie stellt man sich seinen Abschied vor? Wie will man beerdigt werden? Wie sieht es mit einer Patientenverfügung aus? Und was möchte man wem hinterlassen?

Ein Gespräch planen

Aber wann sollte man diese unangenehmen Fragen ansprechen? Beim Weihnachtsfest oder einer Geburtstagsfeier, gemütlich bei Kaffee und Kuchen oder eher mit etwas Distanz am Telefon? Den idealen Zeitpunkt gibt es wahrscheinlich nicht. Doch statt eine Familienfeier aufzuwirbeln, rät die ehrenamtliche Trauerbegleiterin Johanna Klug in einem Gespräch mit dem Deutschlandfunk dazu, sich bewusst zu einem Gespräch zu treffen.

Bei einem Glas Rotwein kam man beispielsweise gemeinsam die Patientenverfügung durchgehen und sich so dem Thema Sterben langsam nähern. Mit einer ausdrücklichen Verabredung lässt sich verhindern, dass die anderen Beteiligten das Gespräch gleich zu Beginn abwimmeln. Außerdem haben alle vorher etwas Zeit, sich zu überlegen, welche Fragen und Themen sie gerne besprechen möchten.

Der richtige Zeitpunkt

Am besten sucht man das Gespräch, wenn noch genügend Zeit ist und noch keine Notsituation eingetreten ist. Wenn die Eltern das Thema nicht ansprechen, sollten die erwachsenen Kinder die Initiative ergreifen. Denn die meisten älteren Menschen sehnen sich danach, über ihre letzte Lebensphase und das Sterben zu sprechen, wie zwei Sozialwissenschaftlerinnen aus Würzburg feststellten, die Bewohnerinnen und Bewohner in Pflegeheimen befragten.


Eine vermittelnde Person kann helfen

Interessanterweise würde ein Teil der Befragten dabei lieber mit einer neutralen Person aus dem Heim sprechen. Ein Grund könnte sein, dass viele Angehörige sich ungerne auf ein solches Gespräch einlassen. Selbst erwachsenen Kindern fällt die Vorstellung schwer, dass ihre Eltern einmal sterben werden. So kann es helfen, sich eine vermittelnde Person dazuzuholen. Das kann ein gemeinsamer Termin bei einer Beratung sein, ein Freund der Familie oder eine Verwandte.

Zuhören statt zu bevormunden

Grundsätzlich sollten die erwachsenen Kinder bei einem solchen Gespräch erst einmal zuhören. Was sind die Ängste und Befürchtungen der Eltern? Was können sie sich vorstellen und was nicht? Welche Möglichkeiten gibt es, wenn Körper und der Geist nicht mehr wie gewohnt funktionieren? Die Kinder sollten dabei weder bestimmend auftreten, noch in die alten Eltern-Kind-Rollen fallen, warnt die Psychologie-Professorin Katja Werheid.

In ihrem Buch „Nicht mehr wie immer“ schreibt sie darüber, wie man den Eltern in dieser Phase helfen kann, ohne sie zu bevormunden und rät grundsätzlich zu Empathie, Humor und Offenheit. Hinderlich ist dagegen eine falsche Rücksichtnahme. Beispielsweise, wenn man die anderen nicht verletzten möchte oder ihnen nicht zur Last fallen möchte.


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Über sich selbst sprechen

Noch unangenehmer als ein Gespräch über die letzte Lebensphase, kann das Thema Tod sein. Oft verdrängt und nicht angesprochen, auch wenn wir alle sterben werden und jeder das weiß. Eine Möglichkeit, ein solches Gespräch zu beginnen, ist, von sich selbst zu sprechen. „Wenn ich einmal sterbe, möchte ich gerne in einer Urne beerdigt werden.“ Oder: „Eine Kollegin ist gestorben, seitdem mache ich mir Gedanken über meinen eigenen Tod.“ Das kann eine Pforte öffnen für weitere Gedanken. Vielleicht freut sich das Gegenüber sogar, endlich über die eigenen Gefühle sprechen zu können.

Wichtig ist es, sich hierfür Zeit zu lassen. Nicht alles muss auf einmal besprochen werden. Auch sollte nichts erzwungen werden. Manchmal kann ein Dialog erst beim nächsten Treffen beendet werden. „Veränderungen brauchen Zeit“, gibt Katja Werheid zu Bedenken.

Nach ihrem Schlaganfall sagte Renate eines Tages, dass sie nicht mehr mochte, dass sie genug gelebt hatte. Sie aß und trank immer weniger, bis die letzten Stunden gekommen waren. Ihre Tochter wusste, dass sie loslassen musste. Das Leben ihrer Mutter sollte nicht unnötig verlängert werden. Auch darüber hatten sie rechtzeitig gesprochen.


Dies ist ein Gastbeitrag des Online-Magazins Prinzip Apfelbaum (Ausgabe No. 21), das vierteljährlich im Rahmen der Initiative "Mein Erbe tut Gutes. Das Prinzip Apfelbaum" erscheint. Alle Artikel und Ausgaben des Online-Magazins können Sie kostenlos lesen unter: www.das-prinzip-apfelbaum.de.

Die Initiative „Mein Erbe tut Gutes. Das Prinzip Apfelbaum“ besteht aus 25 gemeinnützigen Organisationen und möchte Menschen bei ihrem Vorhaben unterstützen, mit ihrem Erbe Gutes zu bewirken. Dazu gehören grundlegende Informationen und Orientierung, wie man mit einem Testament die Arbeit gemeinnütziger Organisationen wirkungsvoll unterstützen kann. Das Deutsche Kinderhilfswerk ist seit vielen Jahren Mitglied dieser Initiative.

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