Daniela Tews

Koordinierungsstelle Kinderrechte, Referentin Medien

030 - 30 86 93-61
Internet Governance Forum in Berlin

Kinderrechte im Internet

Das Internet Governance Forum der Vereinten Nationen - Was ist das?

Vom 25. bis 29. November 2019 fand – erstmalig in Berlin – das Internet Governance Forum (IGF) der Vereinten Nationen statt. Das IGF ist ein offizielles englischsprachiges Forum und bietet vielseitigen Interessengruppen eine Plattform zu Themen der Internetregulierung. Regierungen, die Internet Technologie-Gemeinschaft, sowie Privatwirtschaft und Zivilgesellschaft diskutierten unter den drei Hauptthemen “Data Governance”, “Digital Inclusion” und “Safety, Security, Stability and Resilience” auf nationaler und internationaler Ebene in zahlreichen Workshops und anderen Formaten. Dabei stand besonders der Human-Rights-Aspekt im Vordergrund. Deutschlands Bundesministerium für Wirtschaft und Energie hatte als diesjähriger Gastgeber zu internationaler Beteiligung und zur Einreichung von Workshop-Bewerbungen eingeladen.

Warum hat sich das Deutsche Kinderhilfswerk dort beteiligt?

Aus mehreren Gründen sah das Deutsche Kinderhilfswerk darin eine Gelegenheit, die UN-Kinderrechte im Zusammenhang mit der Digitalisierung und Mediatisierung von Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen zu diskutieren:

  • Ein Drittel der Internetnutzerinnen und Nutzer weltweit sind unter 18 Jahre.
  • Kinderrechte müssen folglich auch in der digitalen Welt gelten.
  • Die UN-Kinderrechtskonvention wurde im November 2019 dreißig Jahre alt und fand somit eine gebührende öffentliche Bühne.
  • Kinderrechte in der digitalen Welt sind ein Kernthema der Koordinierungsstelle Kinderrechte des Deutschen Kinderhilfswerkes auf Grundlage der Europaratsstrategie („Sofiastrategie 2016-2021“)
  • Der UN-Kinderrechte-Ausschuss erarbeitet seit 2019 einen General Comment (Allgemeine Bermerkungen) zu Kinderrechten in der digitalen Welt, was deren Bedeutung und Aktualität unterstreicht.
  • Die Kinderrechte-Perspektive auf Kinder im digitalen Kontext ist im bisherigen globalen Diskurs unterrepräsentiert.
  • Die anderen Akteursgruppen aus Politik, Verwaltung und Wirtschaft sollten die kinderrechtliche Perspektive kennen, da es wichtig ist, für die größte Nutzungsgruppe des Internets einen sicheren, kreativen und geschützten Zugang zur Internetnutzung zu ermöglichen.

Workshop #1: Privatsphäre und Datenschutz von Kindern im digitalen Kontext

Gemeinsam mit den Co-Veranstaltern Media Monitoring Africa aus Südafrika und mit Unterstützung der Design-Agentur Minds and Makers aus Köln organisierte die Koordinierungsstelle zwei Workshops, die unter über 400 eingereichten Bewerbungen ausgewählt wurden. Hier können die sogenannten „Workshop-Proposals“ nachgelesen werden.

"The workshop was beautifully organised and I enjoyed the lively discussion. Clearly questions about children’s privacy in the digital age are of wide concern and it was valuable to examine the problem through the eyes of different stakeholder groups."

Sonia Livingstone, Professorin für Sozialpsychologie an der London School of Economics and Political Science

Am 27.11.2019 fand der erste Workshop der Koordinierungsstelle Kinderrechte unter dem Titel "Children´s Privacy and data protection in digital contexts" statt. Er orientierte sich inhaltlich an der Fragestellung: Wie sind die Ansichten und Positionen der verschiedenen Akteursgruppen zu den Rechten von Kindern auf Privatsphäre und Datenschutz? Und wer ist dafür verantwortlich? Zunächst gaben die fünf unterschiedlichen Referentinnen und Referenten kurze Inputs ihrer Fach-Perspektive auf Privatsphäre und Datenschutz von Kindern im digitalen Kontext. Zu unseren internationalen Referierenden gehörten: Gehad Madi, Mitglied des UN-Ausschusses für die Rechte des Kindes (Ägypten), Steffen Eisentraut, Leiter der Stabsstelle Internationales bei jugendschutz.net (Deutschland), Sonia Livingstone, Professorin für Sozialpsychologie an der London School of Economics and Political Science (Großbritannien), Phakamile Khumalo, Koordinatorin „Web Rangers Project” bei Media Monitoring Africa (Südafrika), Rebekka Weiß, Leiterin Vertrauen & Sicherheit bei Bitkom e.V. (Deutschland) und Kai Hanke, stellvertretender Bundesgeschäftsführer des Deutschen Kinderhilfswerkes.

In mehreren Sitzgruppen diskutierten die Referierenden – alle 10 Minuten rotierend  – mit Teilnehmenden des Workshops. Für die Diskussionen wurde von Minds & Makers ein Arbeitsblatt mit Post-It‘s und Leitfragen konzipiert, die zur Orientierung sowie zur Dokumentation dienten. Mithilfe von Post-It‘s wurden die Ergebnisse an den Wänden festgehalten. Teilnehmende, Referentinnen und Referenten gaben punktuelles Feedback. Abschließend konnten sich alle Beteiligten einen Überblick verschaffen.

Der Workshop war gut besucht und bot den Besucherinnen und Besuchern der Konferenz ein interaktives Format gegenüber den sonst eher frontal-orientierten Veranstaltungen. Zusätzlich ermöglichte die Diversität unter den Referierenden und den Teilnehmenden, sich den Standpunkt so gut wie aller Akteure, die bei Privatsphäre und Datenschutz von Kindern im digitalen Kontext involviert sind, anzuhören und mit ihnen zu diskutieren.

Hier geht es zur Transkription des 1. Workshops.

"We would like to thank German Children’s Fund for facilitating the workshop and giving jugendschutz.net the opportunity to participate in this crucial debate. The discussions in the session emphasized the need for a better balance between children’s right to participation and their right to privacy. We must step up our efforts to create digital spaces, which allow children to use the Internet free of troubles. Experts and youth experts agreed in constructive dialogues that we only achieve this goal if all stakeholders take responsibility. IT companies need to provide solutions also for younger kids and implement intelligent risk management that acknowledges children’s changing needs for protection according to their age. Furthermore, we have to educate children more about privacy issues online and sensitize parents for potential risks when uploading family content on social media."

Steffen Eisentraut, Leiter der Stabsstelle Internationales bei jugendschutz.net

Workshop #2: Wie und Warum die Perspektiven von Kindern effektiv einbezogen werden

Am 28.11.2019 fand der zweite Workshop unter dem Titel "How and why to involve perspectives of children effectively" statt. Inhaltlich orientierte sich dieser an der Fragestellung: Warum sind die Ansichten und Erfahrungen von Kindern für die verschiedenen Akteursgruppen im digitalen Kontext relevant? Und was für Tools und Methoden lassen sich verwenden, um die Perspektiven von Kindern einzubringen? Der Workshop begann mit zwei Präsentationen bewährter Good-Practices-Beispiele für die Einbeziehung kindlicher Perspektiven. Phakamile Khumalo von Media Monitoring Africa aus Südafrika stellte als Koordinatorin gemeinsam mit zwei Jugendlichen das „Web Rangers Project” vor. Joy und Resegofaditswe haben das Projekt selbst durchlaufen und berichteten von ihren Erfahrungen. Das Projekt vermittelt Schülerinnen und Schülern Medienkompetenz im Rahmen von Workshops, die sie mittels selbst produzierter Videos an gleichaltrige Jugendliche weitergeben. Felix Noller vom Chapter Berlin von Design for Children‘s Rights (D4CR) stellte die Arbeit seiner Organisation vor und deren Ansatz, Kinder bereits in Designprozessen von Dienstleistungen und Produkten mit einzubeziehen.

Im Anschluss moderierte Daniela Beyerle, Minds & Makers, ein Design Thinking-Tutorial, bei dem die Teilnehmenden eigene Modelle zur Einbeziehung von Kinderperspektiven entwickeln und abschließend reflektieren konnten. Im Tutorial erstellten die Teilnehmenden eine sogenannte Persona für ein fiktives Vorhaben in einer Alltagssituation von Kindern. Abschließend wurden die Ergebnisse und die Herangehensweise diskutiert, sowie die im Titel des Workshops enthaltenen Fragestellungen.

Trotz der abendlichen Terminierung fanden viele Interessierte zu unserem Workshop. Wie auch der erste bot dieser ebenfalls eine interaktives Format. Die Teilnehmenden gaben ein deutliches Feedback, dass ihnen die interaktiven Methoden sehr gut gefallen haben. Als große Bereicherung wurde die Beteiligung vieler junger Diskutantinnen und Diskutanten an den Diskussionen empfunden.

Somit konnte erreicht werden, dass nicht nur über Kinder beziehungsweise junge Menschen gesprochen wird, sondern auch mit ihnen. Hier geht es zur Video-Dokumentation und zur Transkription des 2. Workshops.

"Der Workshop hat gut dargelegt, wie wichtig die Perspektive von Kindern in gesellschaftlichen Entscheidungsprozessen ist. Das fängt schon bei der Gestaltung einer Zahnbürste an und geht bis zur politischen Mitsprache. Mir hat der internationale und interaktive Workshop sehr gut gefallen. Vielen Dank, Deutsches Kinderhilfswerk!"

Felix Noller, D4CR Chapter Berlin

Was sind die Erfolge und Erkenntnisse?

Die Relevanz der Berücksichtigung von Kinderrechten im digitalen Kontext ist alleine dadurch gegeben, dass Minderjährige die größte Gruppe der Internetnutzer/innen weltweit sind. Dementsprechend war und bleibt es wichtig, die Rechte von Kindern und Jugendlichen gemäß der UN-Kinderrechtskonvention auf die Agenda des IGF zu setzen.

Für das Organisationsteam des Deutschen Kinderhilfswerkes war es ein großer Erfolg, mit einem renommierten Panel an internationalen und nationalen Referentinnen und Referenten, u.a. Gehad Madi, Mitglied des UN-Ausschusses für die Rechte des Kindes und Sonia Livingstone, Professorin für Sozialpsychologie an der London School of Economics and Political Science, zusammenzuarbeiten. Neben der sehr guten Zusammenarbeit mit Media Monitoring Africa war es eine große Unterstützung und Aufwertung hinsichtlich der methodischen Gestaltung mit der die Design-Thinking-Agentur Minds & Makers zur Seite stand.

Darüber hinaus boten die Workshopformate den Teilnehmenden eine seltene Möglichkeit, mit den verschiedenen Akteuren in kleiner Runde zu diskutieren. Im Hinblick auf den zweiten Workshop war es für die Beteiligten eine wertvolle Erkenntnis, Praxisbeispiele für die Umsetzung des Rechtes auf Beteiligung von Kindern im digitalen Kontext kennen zu lernen. Zusätzlich konnten sich die Anwesenden selbst darin ausprobieren, den Kind-zentrierten Ansatz in den eigenen professionellen Kontext zu integrieren.

Das Deutsche Kinderhilfswerk blickt mit Freude auf das Internet Governance Forum zurück. Dass Workshops mit einer kinderrechtlichen Perspektive im Kontext eines offiziellen UN-Forums eine dementsprechend große Resonanz erreichen konnten, ist ein Erfolg.

Nicht zuletzt waren wir sehr erfreut, dass die Co-Veranstalter Media Monitoring Africa in Begleitung von den beiden jungen Menschen, Joy und Resegofaditswe, angereist sind, die eines ihrer Projekte durchlaufen haben. Hier bewährte sich: „Nicht über Kinder reden, sondern mit ihnen reden“. Die Anwesenheit und Beiträge der beiden stellten eine Bereicherung für alle Beteiligten dar. Die Koordinierungsstelle Kinderrechte des Deutschen Kinderhilfswerkes fordert gemäß der Kinderrechtskonvention eine Beteiligung von Kindern und Jugendlichen an allen sie betreffenden Angelegenheiten und empfiehlt daher dringend, auch bei (internationalen) Konferenzen, die einen Bezug zu Kindern und deren (digitalen) Lebenswelten haben, Kinder- und Jugendbeteiligung obligatorisch zu etablieren.